Verlorener Kampf um die Privatsphäre

Aus Muli
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Es gab unlängst eine kleine Diskussion in der CCC-Mailingliste rund um das Thema Privatsphäre. Ich wollte Einige, der von mir geschriebenen, Aussagen hier festhalten, einfach als Archiv und als Erinnerung oder Beitragsgrundlage für die Zukunft. Die Mails der Anderen habe ich hier naturgemäß nicht inkludiert, weil eben nicht meine Texte und Namen, so gesehen ist es vielleicht auch schwierig, da alles nachvollziehen zu können - allerdings habe ich jeweils Anmerkungen beigefügt.

Teil 1 - Alles depressiv und verloren?

Ein Schreiber will wissen, ob die Anderen auch so depressiv sind, weil man kaum noch etwas gegen die Überwachung tun kann. Ein Anderer antwortet, dass es doch besser geworden ist, weil wir jetzt mehr verschlüsseln (können), sich die Technik dazu weiterentwickelt hat und so weiter. Ich sehe das allerdings ganz anders (adaptiert):

"Ich empfinde die Verschlüsselung nicht so sehr als Fortschritt, denn eigentlich dient sie ja nur dem Ausweichen und der Flucht. Im Endeffekt bastelt man hinterher und versucht ständig, nicht getrackt und überwacht zu werden. Schon alleine, dass man alles und jedes Tool nur noch verschlüsselt und so weiter betreiben kann (sagen wir: sollte) zeigt doch, wie sehr sich die Situation weiter zum Negativen verändert hat.

Ich finde also nicht, dass es da eine Besserung dadurch gibt, sondern fast eher stattdessen eine Bestätigung, unter welchem "Druck" man heute als User/Entwickler steht, wenn man sich nicht völlig aufgeben möchte.

Snowden hätte eine Umdenken in der breiten Masse ermöglichen können, aber das ist nicht passiert. Was soll da jetzt nochmal kommen, das noch einmal so einen "Impact" hat? Und dass Whatsapp verschlüsselt jetzt, ist war nett, aber die User wollen mehr Features und dadurch wird es wieder löchrig. Adressbuch-Abgleich, Spracheingabe wie bei Cortana oder Allo und so weiter, die das wiederum sinnentleert machen, bla.

Ich denke, der Zug ist generell abgefahren, dazu ist man schon zu weit gekommen und es geht eher nicht mehr darum, etwas grundlegend zu "ändern", sondern sich eher "anzupassen" - wie eben mit Verschlüsselung und Co. Und das ist tragisch, wenn auch irgendwie normal und alltäglich geworden.

Dass man jetzt endlich langsam die politische Ebene angehen möchte, wie erwähnt wurde, ist zwar schön, aber dafür finde ich das Zeitalter schon viel zu spät. Es hätte umgekehrt und viel früher, sozusagen in der Aufbau-Zeit des Netzes und der digitalen Ära, in diesen Bereich investiert werden müssen - sprich, User von Anfang an die Augen öffnen, sensibilsieren und so weiter, was ja kaum passiert ist.

In Zeiten, wo sich Facebook, Twitter und Dutzende Messenger, Instagram, Tumblr und Co. schon lange etabliert haben und Kinder und Jugendliche bereits in diesen Status Quo nun direkt hineinwachsen und Alles als "normal" empfinden, wird sich da nicht mehr die Zeit zurückdrehen lassen, höchstens verlangsamen.

Windows 10 telefoniert heim - interessiert in Wirklichkeit nur die Technik-Blase, die Masse findet es auch nicht gut, denkt aber nur 2 Minuten nach und diskutieren dann maximal prompt z.B. auf Facebook darüber und am nächsten Tag läuft Windows und so ist es halt.

Die Leute verschlüsseln ihre Chats, aber stellen sich "hörende" Toaster in die Wohnung. Alles absurd.

Ich sehe also eher schwarz bzw. einfach realistisch, dass der Zenit überschritten wurde und man jetzt nur noch den Status abmildern oder blocken, aber nicht mehr verhindern kann.

Das stärkere Bewusstsein gab es ja auch nur ganz kurz direkt nach Snowden, aber da ist nichts passiert, außer dass man auf technischer Ebene da und dort gekittet und geklebt hat und die Technik-Elite dafür ironischerweise in neue Gefilde gezogen ist - ohne großen Impact. Leute nutzen weiterhin Facebook, Twitter, Google Maps, lesen keine Nutzungsbedingungen, amüsieren sich eher über das gegenseitige Ausspionieren der Obrigkeiten und Staaten und sind zufrieden, wenn man ihnen nicht über den Zaun bei Google Streetview schauen kann, aber von oben in den Pool bei Google Maps.

Dieser Kampf und "wir werden da noch die passenden Gesetze durchbringen"... ich finde das fast etwas verträumt. Man rede nur mal mit einem kleinen Kind mit 7-10 Jahren, wie es die technische Umgebung erfährt. Fotos von sich sind selbstverständlich, Touchscreen alltäglich, Spracheingabe vertraut, Chatten ein normales Ding wie ein Wählscheiben-Telefon früher und Google Maps "gab es das nicht schon immer?". Wenn sich die Kids zurückziehen und auf ihre Privatsphäre achten, dann eher wegen der Eltern, damit die nicht mitlesen und weil es nicht mehr im Trend liegt... und nicht wegen einem deutsch-amerikanisch-russischen Abhördienst mit politisch-gesellschaftlichen Hintergründen auf Wirtschaftsebene, Marketingfirmen oder Kleinkriminellen auf Identitätsdiebstahl."

Teil 2 - Das Volk macht das schon... oder so.

Es folgen Argumente, dass man nie aufgeben darf und dass das Volk ja auch ein Mitsprache recht hat und so weiter und man sich da durchaus darauf auch verlassen kann, bla... auch das sehe ich eher als kritisch:

"Auf die demokratische Entscheidungen des Volkes setzen halte ich für sehr tollkühn.

Als man vor einiger Zeit hier in Wien auf den Dächern Abhöranlagen entdeckt hat, gab es Fotos und Berichte in den Zeitungen. Außer der Profis und Hacker, die nur lapidar meinten "Ja, war ja klar", kam von der restlichen Bevölkerung... nichts. Man hat es halt gelesen, in meinem nicht-technischen Umfeld wurden diese Texte nicht mal angeklickt ("so technische Sachen lese ich eher nicht") und es ist auch kein Mob auf die Straße gelaufen und hat mal eben die Dächer abgeräumt, die Botschaft blockiert oder für einen Untersuchungsausschuss demonstriert oder eine Petition gestartet.

Es gab kurz Medien-politische Aufregung in den Zeitungen und nach ein paar Wochen (Tagen) war es eine Randnotiz. Heute kräht kein Hahn mehr danach und 90% der Menschen können sich nichtmal mehr daran erinnern.

Und so schaut es generell bei diesen Dingen aus. Ebenso wie Gesetze auf Basis von z.B. Kinderpornographie und Co... einfach nur laut rufen und das Volk steht hinter Dir und Du kannst noch engere Vorgaben schnüren.

Ich habe das irgendwo mal in einem Blog-Texte bei mir geschrieben:

"Ich nenne das ja die Schlaffi-Taktik. Man bringt unangenehme Thema (Fluggastdaten, EU-Ami-Abkommen, Kinderporno-Webseiten-Filter) ein- bis dreimal ans Tageslicht, spielt ganz böse, lässt empören und heizt den Konflikt an, rudert 10 Meter nach vor... lässt das Ganze noch köcheln... und dann rudert man offiziell vor allen Augen Zähneknirschend und völlig frustriert wieder zurück und entschuldigt sich oder schweigt einfach, sucht nun "gemeinsam" nach Alternativen.

Man rudert dabei allerdings nur 5 Meter zurück. Die Bevölkerung hat gefühlsmäßig politisch und rechtlich gesiegt alias "Juhuuuuu, wir haben es denen gezeigt, muhahahahahah!", die Politiker sind froh, dass das Thema wieder einschläft und können sich zudem auf die Fahnen heften "Tja, dank unserer Überzeugung und Kraft konnten wir das Schlimmste abwenden, das Volk ist wichtig, Datenschutz ist wichtig, Zukunft ist wichtig" und alle freuen sich.

Nur: Das Ganze spielt man dann ein paarmal durch, solange, bis das Thema medial nichts mehr auslöst und man nicht mal mehr einen Meter zurück rudern muss. Alle zu entspannt (hatten ja ihre Erfolge) und zugleich zu schlaff, um sich noch aufzulehnen. Hat also geklappt, Gesetz oder dergleichen ist schlußendlich dann doch durchgegangen. Das kann man bei Datenschutzfragen, Geheimdiensten, Dingen wie TTIP und Co. und so weiter beobachten. Klappt eigentlich immer.

Man braucht nur mal die Lage von vor 10 Jahren mit heute vergleichen... was gab es da in der Zwischenzeit für Demos, politische Bomben, Assange, Snowden, Paragrafen-Grabenkämpfe, Recherchen, Zeitungs- und TV-Berichte, Volksbegehren, Abstimmungen, Podiums-Diskussionen, Gruppierungen und noch mehr...

Trotzdem verliert sich Datenschutz und persönliche Freiheiten mehr und mehr - aber jedes Jahr freut sich die Masse über ein paar Meter Rückschritt, denn "Wir haben es denen wieder gezeigt, hahah! Die können ja nicht machen was sie wollen!". Genau.......... \o/"

Teil 3 - Der Kampf ist verloren - neue Wege stattdessen notwendig

Es gibt ein paar Gegenargumente, aber ich für mich empfinde den Kampf als verloren, stattdessen müsste man glatt etwas ganz Neues angehen:

"Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich für mich eher aufgegeben habe. Ich glaube nicht mehr an die große "Umwälzung".

Ja, bei TIPP zum Beispiel hat sich plötzlich etwas getan und jetzt doch nicht so schnell und so weiter, aber wenn man sich ehrlich ist, das Ganze läuft dann halt Stückchenweise durch. Das wissen wir doch alle.

Wie lange hat man beispielsweise gegen die Sammlung von Flugdaten gekämpft und es gab Empörung auch auf Seiten der Politik und so weiter und ganz sicher nicht, usw... und es gab sogar Demos und einen Aufschrei. Heute? Interessiert niemand, weil Terror und "wenn die Amis das haben, na dann wir auch"... und alle freuen sich mehr über den Kontinent-Ausgleich als über das Nicht-Einführen. Die Masse generell: aha. Dass die Leute heute weniger fliegen, ist den Bomben geschuldet und nicht den Kontrollen auf den Flughäfen (außerhalb der IT-Hacker-Datenschutz-Blase).

So gesehen sehe ich da keine freudige Zukunft vor Augen, sondern schweige (ja, tragischerweise) mehr und schaue zu, mit dem anderen Konzept vor Augen, dass es wohl bei dem Stand der Dinge nur mehr helfen kann, wenn der Karren irgendwann von selber so richtig gegen die Wand fährt.

Ohne großen Knall oder ein Versagen der Strukturen - egal ob jetzt politisch, gesellschaftlich oder rein technisch - wird es wohl keine Bewegung in der Form mehr geben. Auch nicht wenn Rechte oder Linke das Ruder ganz an sich reißen in Europa, den aktuellen Stand wird man eher nicht mehr aufweichen.

Und ja, ich bemerke auch eine Vorsicht. Mit von Europa nach Amerika gegangenen Freunden sind gewisse Themen ungesagt tabu bzw. werden schnell abgehandelt und nicht vertieft - weil natürlich die Angst vorhanden ist, irgendwann nicht mehr plötzlich bei einem Grenzübergang nach kurzem Heimbesuch erneut einreisen zu können - und das ist ja eine reale Bedrohung bzw. Möglichkeit, die auch vorkommt. Mit Amerikanern über politisch-wirtschaftliche Verflechtungen schreiben, gar über Islam, Irak und Co. und dergleichen oder über NSA... findet nur selten statt und wenn dann nur persönlich.

Und gewisse Themen umschiffe ich auch hier ein Europa, weil man nie weiß, was alles wo wie ewig in welchem Kontext gespeichert wird. Und da geht es nicht darum, dass man dann von einem schwarzen Kastenwagen geheimnisvoll und ungewollt abgeholt wird, sondern um banale Ding wie beruflich-gesellschaftliche Aspekte und dergleichen. Und man sucht auch anders und bewegt sich anders im Netz, wenn man weiß, dass alles getrackt und zu einem Profil hinzugefügt wird. Bemerke ich selber.

Ich bin Realist: entkommen kann man nicht. Es reicht, dass ich in einem Kaffee von Freunden abfotografiert werde. Die stellen mich beim Gruppenbild z.B. bei Facebook online, taggen mich, selber bin aber nicht dort angemeldet. Weiß das nicht mal.

Der Andere hat mich in seinen Kontakten mitsamt Adresse und Telefonnummer plus meinen Benutzername - gehört ebenso zu dieser Facebook-Gruppe.... für einen Algorithmus ist das leicht, diese Daten nun zusammenzufügen - und die User syncen ja alle fleißig ihre Kontakte, halten sie sogar aktuell.

Der Nächste aus der Gruppe führt meinen Kontakt mitsamt einem weiteren Foto auf seinem Smartphone, synct alles mit der anderen Wolke... und von mir ist alles da: Name, Foto, Adressen und so weiter... und das nur durch die Freunde selber. Da braucht es keine Behörden oder einen Richterbeschluss um diese Daten zusammenzuführen, aktuell zu halten und so weiter.

Und sobald meine Nummer bekannt ist, kann jeder Sendemast meine Telefonnummer mittracken und es gibt ein Bewegungsprofil auch noch. Und so weiter, das ist eine endlose Liste. Wie weit wo wie Daten zusammenfließen, weiß natürlich kein Mensch, aber es wird sicher nicht weniger geworden sein in den letzten Jahren. Kameras auf der Straße, Verkehrskameras, Bla-Karten, Bankkonto, Kundenprofile, Angestelltenverhältnis, medizinische E-Card, was kauft man gerne... da ist die verschlüsselte Textnachricht in Whatsapp über das Gassi gehen mit einem Hund oder das Foto von einer Wolke am Himmel eigentlich absurd.

(Ebenso haben sich ja Email-Verschlüsselungen nicht durchgesetzt in der Masse- nur so am Rande.)

Also: ich habe aufgeben, ich umschiffe einige Themen, suche nicht mehr alles im Netz und ansonsten gehe ich den Teils umgekehrten Weg und füttere mein Profil online selber bewusst, damit wenigstens das auch irgendwie stimmt und unter meiner Kontrolle ist (teilweise). Also schaffe mir meine eigene Blase. Und ansonsten abwarten und Tee trinken... mehr kann man nicht mehr tun. Die Gesellschaft an sich bewerte ich als verloren, da kann man noch so demokratisch mit dem Fuß aufstampfen oder träumen, die Masse spielt da nicht mehr mit. Spätestens beim nächsten europäischen Anschlag fühlen sich alle wieder "unsicher". Muss gerade an das Stichwort "Gladio" denken.

Ist aber in meinen Augen auch ein Versagen der Technik-Generation, die oft zu elitär mit dem Wissen umgegangen ist und es einfach nie geschafft hat, den kleinen Hansi und die Susis ins Boot zu holen und für Themen wie Privatsphäre empfindlich zu machen. Stattdessen haben da einige Zyklen eher dafür gesorgt "Schau wie toll diese Technik ist und schau das hier und das brauchts Du und die Cloud ist der neue Trend" und so weiter... da gab es nur Wenige, die gebremst haben. Und das kommt halt nun alles zurück, so wie alles im Leben.

Die einzige Lösung sehe ich in einem neuen Art von WWW, technisch anders strukturiert, aber wer baut das auch schon wie auf? Dezentral und so weiter, aber alle Ansätze dazu sind in Wirklichkeit gescheitert. Und dann bleiben noch immer die Verkehrskameras, Schleusen, Flughäfen, Behörden, Smartphones und die Freunde, die meine Daten in der Welt verstreuen.

Es ist sinnlos. Ab in die eigene Blase und ins eigene Netzwerk. Wer jetzt noch kämpft, ist in meinen Augen ein Träumer, sehr jung noch oder hat das Problem und den Umfang nicht wirklich verstanden. Es ist KEIN Gewinn für den Datenschutz, wenn es doch keine Bodyscanner an den Flughäfen gibt, denn das Problem beginnt oder besser begann schon viel früher beim Austausch der Daten an sich. Man konzentriert sich nur mehr auf die neuen Dinge in den Diskussionen, aber auf das, was schon Alltag ist... nun ja... "ist halt so".

Wir haben verloren.

PS: Sogar wenn man heute alles stoppt... es gibt nun schon seit Jahren vollständige Muster und Erfassungen. Man denke nur an die britischen Telefongespräche, die schon seit Jahrzehnten alle aufgezeichnet wurden. Fast sinnlos, das jetzt mal plötzlich eben abstellen zu wollen - als Beispiel. zu spät. Und es würde auch nicht passieren natürlich."

Teil 4 - Kein gutes Beispiel, aber halt Realist.

Wird nicht gerne gelesen, wenn man aufgibt, eh klar - aber es wird auch immer nur geredet und geredet und geredet:

"Da stimme ich Dir sogar zu. Bin auch nicht stolz darauf und empfehle das auch niemanden. Ist auch keine Anleitung zum Nachmachen.

Aber alle Kämpfe bisher laufen ins Leere und neue Wege oder Alternativen sind zur Zeit nicht zu sehen, außer die immer gleich laufende Diskussion über Verschlüsselung und Co. Jedes Jahr, in jeder Mailingliste, bei jedem Kongress, bei jedem Barcamp. Gewarnt wird ja nun wirklich schon seit Jahren und so weiter. Und wenn ich lese "dann können wir endlich das politisch angehen"... mmmrr.

Und die Masse will ja keine Opfer bringen und es ist ja nicht so, dass sich nicht schon viele "Wissende" geopfert haben - im Medienlicht und im Stillen.

Ich war sehr lange enthusiastisch und offen, aber irgendwann stockt es halt. Für mich liegt das Ziel deshalb einfach nicht mehr darin, eine verfahrene, verseuchte Ordnung in einer bereits verworrenen Technik-Sphäre wieder "richtig zu basteln", sondern das Ding loszulassen und gegen die Wand fahren zu lassen (führt auch zu Opfern, Verlusten und dadurch zu einer Neuordnung) - und auch stattdessen lieber was ganz Neues anzugehen (nein, ich habe diese neue Lösung noch nicht gefunden, aber sie ist mein primäres Ziel). Das Netz, so wie es zur Zeit läuft, funktioniert mal nicht.

Einfach nur Rebellion schreien... das hört man ständig aus allen Ecken im Netz. Aber es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Wie lange schallen die Warnrufe? Seit 20 Jahren oder so gefühlt. Und jedes Jahr "Wir müssen uns Gedanken darum machen und uns dagegen stellen", aber das war es.

Ich bin prinzipiell bereit zu kämpfen, aber für wen und wo und wie? Das hat mir noch keiner beantwortet - eine Petition, ein Abkommen oder Gesetze, ein "Hack", ein "Crack"... die helfen mal nachweislich nicht. Was stattdessen? Alles verschlüsseln, Kryptowährung und im "Darknet" abtauchen, quasi immer auf der Flucht sein und kleine Orte der stillen Rebellion gründen? Klappt in Kinofilmen, in der Realität sehe ich eher Blasen. Leider, bin aber offen für neue Zugänge und Ideen. Aber von denen hört man kaum was, nur von der Kritik am System. Aber das haben wir ja schon durchgekaut.

PS: Heute gab es eine Netzneutralität-Demo in Wien..... ~50 Leute mit Pappschildern und LED-Blinklichtern. Die restliche Masse spaziert belustigt vorbei. :/"

Teil 5 - Aber beim Naturschutz funktioniert es ja auch? Öhm. Nein, tut es nicht.

Es wird argumentiert, dass man auch beim Naturschutz es geschafft hat, die Leute zu sensibilisieren. Wirklich?

"XY - ich bin prinzipiell bei Dir. Genauso wie bei XY.

Prinzipiell. Ich bin niemand der gerne aufgibt, aber ich sehe Dinge gerne nüchtern anhand von Fakten.

Die Lebenseinstellung Deinerseits mag eine Gute sein, begrüßenswert und die vollführe ich sonst auch, aber reden wir endlich mal nicht über Philosophien und gedankliche "Targets" - das hat man bereits viel zu lange gemacht "Man kann nicht scheitern, man muss einfach weitermachen, sich nicht beeindrucken lassen". Viel zu lange damit auch alles vor sich hergeschoben.

Das Thema Umweltschutz ist auf den ersten Blick ein guter Vergleich. Auf den zweiten Blick aber - und das sind die hard facts ohne Emotion und Depression - schaut es nicht mehr so rosig aus. Wir alle leben und kennen heutzutage Naturschutz. Erholungsbereiche, alte Sorten, Naturschutzgebiete, der eigene Garten ohne Giftmittel, Bio-Obst, mal eine Straße weniger bauen und so weiter, Müll trennen und am Wanderweg nicht jede Blume pflücken und Lebensräume für Tiere erhalten.... und was es sonst noch alles gibt.

Aber die nüchterne Realität ist, dass es in Europa flächenmäßig kaum noch einen "echten" Wald gibt. Die meisten Leute laufen in ihren Hauswald und sind begeistert vom Grün, der Blindschleiche und der Waldameise und tupfen in ihre Hände ins Baumharz und freuen sich. Dass es sich dabei um einen kontrollierten, gesteuerten Wirtschaftswald handelt, vergessen viele. Echte, freie Natur-Wälder sind kaum mehr zu finden, ebenso wie unberührte Wiesen. Und die schauen auch ganz anders aus, trostlos, verwildert, verwachsen, meistens nicht mal sehr schön. Ebenso Naturlacken, blabla. Kinder der heutigen Zeit in unserer Umgebung kennen diese Varianten nicht mal mehr. Welche Kinder erkennen denn heute noch einen Zitronenfalter oder würden ihn gar vermissen oder wissen überhaupt, dass es ihn gibt? Hier beginnt ein Problem.

Wir haben auch in Europa ein anhaltendes Artensterben von Jahr zu Jahr - hard facts, trotz des Naturschutzes und des Verständnis der Menschen. Das beispielhafte Schmetterlingssterben ist nur eine sichtbare Folge von der wirklich großen Masse. Auch die Abholzung in anderen Ländern geht weiterhin voran... nach Jahrzehnten des lauten Kampfes, Unterschriften, wir kaufen Bäume, wir ketten uns an. Oder wir besetzen die Au. Grenzwerte bei Belastungen werden mal munter angehoben und adaptiert und "alles ist wieder gut". Da und dort tauchen neue, vergrabene Mülldeponien auf, Vögel und Fische sind mittlerweile praktisch durchgehend mit Plastik voll - hier nun eine endlose Liste einfügen...

Da kann von einem besser verstandenen Gefühl dafür bei Menschen gar keine Rede sein (also ja, aber nicht von ihren Taten her), sondern viel eher: man gewöhnt sich schleichend an die Zustände. So wie im Netz.

Auch Klimaziele sind bis heute ein rein politisch-medial-gesellschaftliches Wattezuckerl ohne "Impact" - wie man Jahr für Jahr bei den Konferenzen sieht... "Die Uhr tickt, es ist 5 vor 12, noch können wir was tun, jetzt handeln, bald ist es zu spät!!!1!!". Das höre ich seit nun über 35 Lebensjahren, passiert ist bisher nicht wirklich was. Alle paar Jahre Ausstieg überall aus der Atomkraft... oh... na dann doch nicht. Alle paar Jahre weg mit den Kohlekraftwerken.... dann doch nicht. Alle paar Jahre wir setzen auf Wind und Sonnen-Energie... na, mittlerweile ist der Reiz mal wieder weg.

Also mmmh. "Windkraft, Wasserkraft, Sonnenkraft ja, aber bitte nicht in meinem Garten". Der Garten übrigens, wo die Leute aus dem Baumarkt ihre eigene Pflanzen "ganz bio" selber anbauen, aber alle die Samen vom gleichen Großkonzern kaufen, ohne es zu checken.

Vergleiche ich die Natur von Heute mit der aus meiner Kindheit, dann hat die ganze Ökowelle es gerade mal geschafft, aktuell Plastiksackerl zu verbannen und ersetzt sie mit bedruckten Stoffsackerl, die ihren dazu notwendigen Lebenszyklus nicht mal erreichen, weil die Qualität mies ist. Der Natur wurde und wird damit nicht geholfen, die sumpert weiter ab, sie ist nur schöner geordnet heutzutage (der frische, nette Park mit dem Kirschbaum neben dem Neubau-Ghetto).

Ich dachte früher, nach den röhrenden, stinkenden Blechkisten in den ~80ern und zuvor kommt eine neue Welle an "grünen Fahrzeugen" im Jahr 2000XY. Was ist heute? Die Städte sind voll mit fetten, sinnentleerten SUVs und sie werden immer größer. Abgaswerte waren ein Betrug und naturgemäß eine Augenwischerei. Straßen werden trotz der großen Naturliebe immer mehr, die grünen Stadtränder mehr und mehr verbaut, die Leute nicht schlanker und der Energieverbrauch nicht weniger. Die ganzen Visionen aus den 70er, 80ern über die glorreiche Zukunft, wo wir mit Solarfahrzeugen rumkurven und im Einklang mit der Natur sportlich leben, haben sich nicht bewahrheitet. Im Jahr 2016 - nach Jahrzehnten der Visionen und Ansätze - kommen (mal wieder und vielleicht) Elektrofahrzeuge schwerfällig auf den Markt. Mhm. Einstweilen gewöhnen wir die Natur an uns und fühlen uns dabei erfolgreich.

Und so ist es mit dem Netz. Würden wir hier von einem Waldstück reden, würde ich zustimmen. Kann man besetzen, kann man absperren, man kann besondere Käfer finden, Naturschutz rufen, demonstrieren, sich an den Baum ketten, Politiker auf seine Seite ziehen, die Wertigkeit betonen und irgendwann stimmen alle in eine "Wir retten die Natur"-Welle ein und das Waldstück ist geschützt. Feine Sache.

Aber beim Netz? Wo, was, wie, wie? Da funktionieren diese "alten Katz und Maus"-Spiele nicht mehr. Ich glaube, das ist Vielen nicht greifbar. Da reicht es nicht, ein bestimmtes Protokoll alias Schmetterling zu retten oder zu schützen oder mal eben zu verschlüsseln... weil dann süffelt es trotzdem weiterhin an anderen Stellen ab, so wie bei der Artenvielfalt.

Und das Tragische ist ja eben, dass ich als Mensch einen deutlichen Unterschied wahrnehme, ob da ein Wald vor meinem Fenster liegt oder ein Parkplatz oder gar Autobahn. Im Netz fehlt jedoch dieses Gefühl, weil wer von der Masse fühlt sich beeinträchtigt? Die Meisten sehen oder merken das nicht mal. Wollen sie auch nicht, weil sie haben ja ihr Waldstück (Facebook) vor sich. Dass da der Baum künstlich hingesetzt ist, ist ja nicht weiter relevant. Baum ist Baum (für die, alles gut also).

Ich habe das Gefühl, der Schutz der Privatsphäre wird viel zu philosophisch geführt, viel zu sehr alias Klimaziele und Co. und viel zu wenig nüchtern, trocken und unemotional. Zu wenig ohne den harten Fakten, vielleicht auch aus Selbstschutz, ja.

Ich kenne Menschen, die kein Auto haben und sich bei jedem Flug ausrechnen, wie viel Schadstoffbelastung sie verursacht haben und dementsprechend zur Kompensation ihr Leben dann zum Teil massiv einschränken oder anpassen. Finde ich großartige Menschen. Prinzipiell. Aber zugleich sitzt daneben einer, der "Ich fliege alles, ständig, mir egal" und steigt danach in seinen SUV, fährt zum Spaß mal drei Runden und zuhause lässt er stundenlang das Wasser laufen, weil ja... weiß er nicht, vergisst es halt manchmal. Der verbraucht im Monat vermutlich soviel unnütz mal nur so nebenbei, wie der Andere im ganzen Jahr mühsam einspart.

So wie im Netz. Ich kann stundenlang meine Mails einrichten, verschlüsseln und Keys austauschen, für Gesetze kämpfen und alle Leute rütteln, die Nachrichten mit Snwoden und anderen Menschen befüllen und Aufdecker-Artikel schreiben.

Und dann redest mal mit jemanden und der erklärt dir so nebenbei zufällig, dass er die Backups der Mails - weils langfristig leichter lesbar, durchsuchbar und bla ist - unverschlüsselt speichert. In der... Cloud bei einem der großen Dienste. Thema = hinfällig und erledigt.

Deswegen - es muss für mich irgendwie eine ganz neue, radikal andere Denkweise her. Der bisherige Ansatz ist viel zu bequem und sich im Kreis drehen. Eine einfache Antwort gibt es auf nichts, aber gar keine Antwort (außer Hoffnung, daran glauben, Einstellung beibehalten, nicht runterkriegen lassen) ist für mich kein Weg.

"Wir können keine gute Welt schaffen, aber wir können eine BESSERE Welt schaffen". Wo hat das bisher im großen Maßstab geklappt? Lokal ja, Kinderarbeit, Frauenwahlrecht, Bildung, medizinische Versorgung... aber das ist alles nur Länderspezifisch und fast immer eng begrenzt - und heutzutage fallen viele dieser Dinge erneut wieder durch den Rost in vielen Ländern. Das Netz hat aber keine Grenzen, wir können uns hier natürlich auf "heimatliche, geschützte" Server zurückziehen, aber sobald man kommuniziert, ist man auf tausenden anderen Servern außerhalb der lokalen Welt. Und die ist nicht nett. Und manchmal ist es umgekehrt genauso.

Für mich liegt der Fehler darin, dass wir herkömmliche Denkweisen auf das Netz umlegen. Ich denke, das ist fatal. Ohne aber eben zu wissen, wie der andere Ansatz ausschauen soll. Keine Ahnung, getrennte Netze oder was auch immer, aber alles technisch nicht realisierbar.

"Wer Freiheit und Gemütlichkeit gegeneinander abwiegt hat bereits verloren. Wer "die Rechte die wir einst hatten" zurückerobern will, hat bereits verloren, denn einst hatten wir keine Rechte. Wir dürfen nicht für das kämpfen was wir hatten, sondern müssen für das kämpfen was wir wollen."

Klingt gut, klingt schön, aber ist für mich dennoch eher ein Wortspiel, denn es zählen dann doch die Taten und Fakten an sich. Und das ist im Netz nicht möglich. Ich kann mich nicht an einen Server ketten und Freiheit rufen....

Und ja: wer hier nüchtern liest, zieht natürlich das trockene Fazit, dass wir alle - und vor allem ich - mal wieder nichts Neues sagen. Man dreht sich eben im Kreis und diskutiert das Gleiche immer und immer wieder, während da draußen eine weitere Schmetterlingsart eingeht und keinem fällt es auf bzw. "Kannte ich gar nicht". Wie soll das dann erst bei der Privatsphäre ausschauen? Ja... leider. Ärgert mich selber.

PS: Vielleicht ist es auch eine natürliche, logische Entwicklung und es ist eh alles gut. Wir werden überwacht, wir passen uns an die Überwacher an und sie passen sich an uns an. Kann vielleicht auch normal und ein nächster Schritt in der digitalen Evolution sein. So wie die Natur sich anpasst. Vielleicht ergibt es auch eines Tages einen Sinn und man erkennt, dass die Evolution nun mal so läuft. Aber mir gefällt der Geschmack aktuell trotzdem nicht."

Teil 6 - "Technik ist nicht nur böse". Ja, eh, ist aber auch nicht das Problem.

Das klassische Argument folgt, dass man Technik nicht nur verteufeln sollte. Aber das ist für mich sowieso der falsche Gedanken-Ansatz:

"Die Technik an sich ist ja nicht das Problem, sondern was mit den Daten gemacht wird. Man kann ruhig seine Dinge durch die Welt schicken, aber die Daten werden heute ja nicht nur mehr einfach transferiert, sondern auch ausgewertet, gespeichert, analysiert, zugeordnet, bewertet, eingestuft und mit anderen Daten kombiniert und zu einem Profil zusammengeführt und mehr oder weniger nach Lust und Laune für was auch immer verwendet - teilweise ohne Kontrolle, ohne Wissen, ohne Einblick und so weiter des Betreffenden oder anderer Länder, Behörden, Einrichtungen und Gesetze. Das ist das Problem, nicht die Technik und ihre (ja, tollen) Möglichkeiten - die kann sich auch ruhig weiter entwickeln und verbessern."

Teil 7 - Wie passend: Überwachung wird legalisiert

"Und soviel zu dem Thema der Hoffnung... /o\

— Große Koalition will Geheimdienst-Überwachung legalisieren —

"Die illegalen Überwachungsmethoden des Bundesnachrichtendiensts sollen einfach legalisiert werden. Das geht aus dem Gesetzentwurf zur BND-Reform hervor, den wir hier veröffentlichen. In einigen Bereichen droht sogar eine erhebliche Ausweitung der Überwachung."

https://netzpolitik.org/2016/wir-veroeffentlichen-den-gesetzentwurf-zur-bnd-reform-grosse-koalition-will-geheimdienst-ueberwachung-legalisieren