Privatsphäre

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Auch ich gehörte ganz klassisch zu den Usern, die von Anfang an auf diversen Social Media Plattformen rege aktiv waren - in vielen Fällen sozusagen als "Early Adopter". Egal ob anno dazumal ganz klassisch MySpace und dergleichen oder in den letzten Jahren Twitter, Facebook, Instagram, Tumblr, XING, LinkedIn, Ello, Google und so weiter und so fort. Ebenso gehörten unzählige private und offene Blogs meinerseits im Laufe der Zeit zu meinem digitalen Leben und ebenso unzählige Foren- und Chat-Accounts da und dort.

Zwar war ich immer schon prinzipiell ein Anhänger von Datensparsamkeit, aber mir war natürlich so wie den Meisten der Austausch und auch die Philosophie des Vernetzen sehr wichtig - und zugleich ein Ausdruck der Essenz des WWW. Und dennoch... die letzten Jahre bin ich mehr und mehr davon abgerückt. Die Zeiten haben sich im Netz irgendwie radikal geändert und die Unschuld ist schon lange verloren. Tragischerweise.

Kaum ein Klick mehr, der nicht getrackt, analysiert und langfristig gespeichert sowie verknüpft wird, kaum ein digitales Bewegungsmuster, das nicht von Behörden und Firmen ausgewertet wird und kaum ein Account, der nicht einmal bei Gelegenheit kompromittiert, missbraucht oder angegriffen wird. Und dies verändert die Philosophie des freien, offenen Netzes, die Beweggründe, es formt und verformt auch zugleich durch zielgerichtete Werbung und Meinungen unser Verhalten, unsere Ansichten und unser Empfinden für andere Meinungen, Kritik und Kommerz im Alltag. Und ich sage das ganz ohne emotionale Verschwörungstheorien oder der Hoffnung auf ein "Wir haben uns alle lieb", sondern ich meine das ganz nüchtern und sachlich.

"Filterbubbles", die heute überall bewusst und unbewusst gelebt (und technisch still und leise gefördert und manipuliert) werden, sind meiner Meinung nach massiv gefährlich für das gesellschaftliche Ökosystem und anhand der neuen Generation, die ja mehr und mehr von Empörung oder "Ich bin dagegen" geprägt ist, zeigt sich auch bereits die ersten Folgewirkungen (in meiner Wahrnehmung). Sachliche Diskussionen mit Offenheit und Akzeptanz für andere Meinungen sind kaum mehr zu finden und auch kaum mehr zu führen. Es findet sich zudem fast nur mehr ein Schwarz & Weiß-Denken im Netz und auch auf technischer Seite ruinieren Spamwellen, DDoS-Attacken, aggressive Werbung und Trolle mehr und mehr Foren, offene Wikis, Blogs und so weiter. Ideen und Ansätze für gemeinsame Aktivitäten der Vernetzung verlieren sich dadurch immer schneller im Frust aller Beteiligten.

Datensparsamkeit

Seit 2014~2015 habe ich begonnen, da und dort meine Accounts zu durchforsten und all jene stillgelegt, die mir im Alltag eigentlich kaum einen Mehrwert bringen oder gar je gebracht haben. Ich benötige beispielsweise kein Instagram, um Fotos zu teilen, da ich Fotos sowieso auf meiner eigenen Seite sammle und ich benötige kein Facebook, um mit meinen Freunden in Kontakt zu treten oder deren Meinungen anzuhören, auch weil das von Angesicht zu Angesicht deutlich ergiebiger und transparenter ist. Auch in Betrieben wird die Wirkung und der Nutzen von Social Media Seiten oft deutlich überschätzt oder viele Ressourcen in die falschen Accounts investiert (anstatt zb. in das Usererlebnis und die Barrierefreiheit auf der eigenen Firmen-Seite). Und so weiter und so fort... man kann darüber lange philosophieren und auch streiten, die Vor- und Nachteile im privaten und beruflichen Umfeld kompliziert gegeneinander aufwiegen und überall einen Nutzen finden oder bestreiten. Es hängt natürlich auch sehr von persönlichen Neigungen und Lebensweisen ab. Mir geben Likes und Herzchen einfach nichts mehr.

Heute verwende ich selber eigentlich nur mehr Twitter als Nachrichten-Quelle und für Mini-Diskussionen bzw. Updates, Google+ dient mir als technische Informationsquelle und bietet noch Raum für ruhige, längere Diskussionen ~ Austausch mit Anderen und bei Youtube dient der Account eher nur zur Speicherung von Videos. Da und dort diskutiere ich in einigen technischen - zum Teil anonymen - Foren, sehr gerne auch via IRC und ansonsten nütze ich vermehrt alternativ analoge Mailinglisten für den Wissensaustausch, die sich dabei äußerst gut bewähren. Die Abstinenz von Likes, Shares und Herzchen ist hierbei für den Informationsgewinn der Inhalte sowie der offenen Sichtweisen der User deutlich zuträglich und fördernd.

Auch vermeide ich mehr und mehr Webseiten, die Registrationen und wiederum eigene Accounts benötigen, speichere versuchsweise kaum noch Daten in der "Cloud", teile und synce auch keine Adressen und andere Daten von Freunden und Bekannten oder gar meine Lesezeichen und ähnliches via externen Diensten und verzichte ebenso auf Systeme, die Online-basierend aufgebaut sind. Soweit, wie es im praktischen Alltag möglich ist.

Auch klopfe ich gerne auch mal Firmen auf die Finger, die Daten meinerseits augenscheinlich bzw. offensichtlich unzureichend gesichert speichern und versuche meiner Umgebung diese Sichtweisen auch zu vermitteln, wenn dafür Interesse vorhanden ist. Es bleibt ein Versuch, denn digital abtauchen ist heute in der gelebten Praxis kaum mehr möglich - aber man kann zumindest etwas dazu beitragen, dass es nicht zu einer verkommerzialisierten, getrackten Selbstverständlichkeit wird und das Bewusstsein, dass Daten wertvoll sind, erhalten bleibt.

Verschlüsselte Kommunikation ist mit mir natürlich auch - Edit August 2016: nicht mehr möglich, weil keiner meiner Kontakte dies bisher nützte und es sich anscheinend auch nicht mehr in den Köpfen der User ändert - aber generell folge ich mittlerweile lieber der Philosophie der prinzipiellen Datensparsamkeit im Netz, sperre externe Ressourcen auf Webseiten, Werbung wird nur auf Basis einer Whitelist zugelassen, auch tracke ich selber keine Daten mehr über Besucher und so weiter... In meinem Alltagsblog verwende ich ebenfalls keine (externen) Fotos mehr (auch aus rechtlichen Gründen), ebenso keine Anbindung an andere Webseiten oder Social Media Buttons und verzichte zusätzlich mittlerweile auf Kommentare - aus technischer Sparsamkeit, aber auch um andere User dazu zu animieren, ihre eigenen Blogs zu schreiben und ihre Meinung dort selber bewusst ausformuliert kundzutun.

Und trotzdem lässt es sich gut surfen

Und ja, ich möchte hier noch anfügen, dass sich der digitale Alltag tatsächlich dadurch kaum verändert - das "Surferlebnis" ist unverändert gut, umfangreich, kommunikativ, fokussiert und ergiebig. Dazu benötigt man eben definitiv keine 62 Accounts. \o/