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Spurensuche in Polen & Ukraine – der dritte Anlauf

2014-11-05

Ich versuche es nochmals… *alten Beitrag aus der Versenkung schieb*: Aus irgendeinem Grund bin ich wieder über die alten Glasplatten mit den Negativen alter Vorkriegsfotos von einem Flohmarkt gestoßen. Nach wie vor bin ich neugierig, wer diese Menschen sind, was sie dort gemacht haben, leben Nachfahren bzw. das Kind noch, was ist der Hintergrund der Aufnahmen? Ich hatte schon mal vor langer Zeit darüber geschrieben, aber irgendwie ist das Ganze dann versandet.

Fotoplatten Polen Lemberg

Wer ist dieses Mädchen? Kim jest ta dziewczyna? кто эта девушка? Care este fata asta?

Die wenigen Anhaltspunkte der digitalisierten Sammlung (wszystkie zdjęcia / все фотографии / toate fotografiile) von alten Glasplatten-Negativ-Fotos aus einem Flohmarktfundus, die mein Vater mal vor langer Zeit gekauft hatte, weisen auf Polen und die Ukraine hin, genauer gesagt auf Lemberg (Lwiw/Lwow/Lwów/Лемберг) und dessen Umgebung. Der Fußballklub Czarni und der Kleidungsstil lässt weiters eine Zuordnung auf die Zeit rund um 1910-1940 zu.

Fotoplatten

Glasplatten in der Fotografie waren rund um das Jahr 1920 recht verbreitet noch, wurden aber dann ab 1930 zunehmend und recht schnell von den ersten 35mm-Kleinbild-Filmen ersetzt, was natürlich nicht nur Gewichtsmäßig die Fotografie damals erneut revolutionierte. Soviel also zur Einschätzung des Alters der Fotos.

Ich habe in einigen Stunden meines Lebens mit der Google-Bilder-Suche und der Übersetzer-Funktion versucht, soviel wie möglich über diese Bilder herauszufinden… allerdings mit mäßigem Erfolg bisher.

Klawe Lemberg

Das Foto mit dem Denkmal hier, sofern es eines ist, trägt unten die Initialen Boleslaw Lipski – ein polnischer Major und Leiter der Sicherheitsabteilung ODR Westen, der 1945 dann im Gefängnis (mutmaßlich~ungeklärt) ermordet wurde. Was mich natürlich zu der Frage führt, worauf sich also zu Lebenszeiten noch sein Name bei diesem Monument bezieht?

Die Inschriften zu den Tabletten mit Mineralstoffen rund um die Figuren selber führen zu Henryk Klawe, ein Pharmazeut, der in Warschau eine Apotheke und anschließend 1862 die Aktiengesellschaft „Master Klawe“ gründete. Er wurde zudem Mitbegründer und Präsident der Pharmazeutischen Gesellschaft von Warschau und starb 1926… womit es mich somit nicht wundern würde, wenn es sich hier also vielleicht bei den Aufnahmen zu der Zeit um ein „frisches“ Denkmal zu seinen Ehren handelt und vielleicht von Lipski injiziert wurde. Der Gönner verewigt sich quasi im Sockel. Wo dieses Denkmal stand oder gar noch steht vielleicht, weiß ich leider noch immer nicht.

Lemberg Lwiw

Das erste Bild in der Serie zeigt übrigens das ukrainische Lemberg (Lwiw)… ich hatte letztes (?) Jahr recht lange Fotos von polnischen und ukrainischen Städten auf gut Glück durchgeschaut – nicht so leicht, wenn man anfänglich gar keine Ahnung hat, wo man denn eigentlich anfangen soll – und konnte dann anhand der Kuppeln und des Kirchturmes dann doch recht leicht die Stadt identifizieren. Der nächste Anhaltspunkt zudem: der Fußballklub auf einem der anderen Fotos. Der war nämlich auch tatsächlich von 1903 bis 1939 (bis zum Einmarsch deutscher und russischer Truppen) der örtliche Sport- und Fußballklub von Lemberg.

Fotoplatten Polen

Interessiert hat mich dann natürlich auch das Foto mit den beiden Frauen vor diesen Pagoden-Gebilden. Was ist das für ein Gebäude und vor allem wo steht es (noch)? Die Form des hinteren, größeren Gebäudes mit der Spitze weist auf eine klassische Holzkirche hin (Kirchen aus Stein durften z.B. in der orthodoxen Ansicht damals oft nicht gebaut werden), von denen es durchaus viele damals gab – und manche finden sich bis heute noch sowohl in Polen, der Ukraine, in Rumänien, usw… aber das macht die Suche naturgemäß nicht leichter.

Problem ist, dass etliche dieser Bauwerke im Laufe der Jahrzehnte verloren gingen, auch wenn zum Beispiel Lemberg als eine der wenigen Städte von Luftangriffen recht verschont blieb – dadurch blieb viel Substanz erhalten. Aber viele Anlagen, Kirchen, Klöster und Plätze wurden in den 70ern, 80ern und auch 90ern neu gebaut bzw. umgeformt… also keine Ahnung.

Ein Beispiel, das dem Bild vom Ansatz her ein wenig ähnelt, wäre vielleicht Barsana, das Nonnenkloster, allerdings liegt das weiter unten in Rumänien. Das kleine Gebäude hinter den Frauen könnte damit die Glocke beherbergen, da es keinen eigenen Glockenturm bei dieser Bauweise gab. Die weißen Pfosten beim Rasen verstärken das Gefühl einer größeren Anlage. Aber wirklich fündig geworden bin ich nicht – wobei es natürlich auch sein kann, dass das Foto auch wo ganz woanders entstanden ist.

Spurensuche Und es ist unklar… handelt es sich hier überhaupt um Polen oder Ukrainer? Die Bilder wurden in Österreich vor Jahrzehnten (?) auf einem Flohmarkt gekauft, es könnten somit durchaus auch Österreicher auf Sommerfrische sein oder Besatzer der damaligen Zeit, allerdings ebenso Deutsche und ebenso eben auch auch Polen, Rumänen, Ukrainer und so weiter – sofern man das so überhaupt sagen kann, denn damals waren die Grenzen und das Zugehörigkeitsgefühl auch noch etwas anders. Ich erinnere an Österreich-Ungarn bzw. Siebenbürgen.

Kurz und gut, ich starte erneut den Versuch, mehr über diese Bilder und ihre Menschen zu erfahren. War es der kleine Horst mit seiner Gattin Hertha auf Urlaub in der Ukraine mit etwas Sightseeing… so quasi, man gönnt sich mal einen Ausflug in pseudo-edler Manier? Oder handelt es sich hier um einen Geschäftsmann auf Sommerfrische? Um einen B-Promi, denn manchmal wurden solche Glasplatten in größerem Umfang auch kommerziell zum Sammeln verkauft – ähnlich wie Stickeralben heute in den Supermärkten. Ein kleiner Lokalpolitiker? Oder ein Durchschnittsbürger ohne Name?

Fotos waren damals teuer, das Material schwer und unhandlich (Glasplatten, Chemie) und nicht jeder hatte eine (viel größere) Kamera so wie heutzutage… und nachdem die Bilder teilweise eher nach Schnappschüssen privater Natur wirken und als Erinnerung, gehe ich mal davon vorsichtig aus, dass es hier einen ausreichenden finanziellen Hintergrund gab. Auf zwei der Bilder wirkt es wie das Personal eines Anwesen (Mann mit Hund, Gruppe auf Stufen sitzend) und die beiden Fotos mit der Inneneinrichtung könnten sowohl der tatsächlichen Einrichtung entsprechen oder auch bei einer Sightseeing-Tour aufgenommen worden sein… mh.

Fotoplatten Spurensuche

Was ist mit diesen Menschen in dem kommenden Krieg geworden? Nutznießer oder Verlierer? Umgekommen, geflüchtet, aufgestiegen? Auf einem der Bilder ist ein Kind zu sehen… soll heißen, dass diese Person theoretisch nämlich noch leben könnte – wäre spannend, hier die Spur aufzunehmen.

Probieren geht über studieren, deshalb habe ich mal via Google Translate auf Twitter die Bilder gepostet und außerdem ganz frech und unbedarft auch einfach bei der polnischen Botschaft in Wien und einem polnischen Verein um Tipps oder Vorschläge für Kontakte gefragt, die historisch zu den Bildern vielleicht mehr wissen oder weiterhelfen könnten.

Schauen wir mal, ob sich da was tut… oder die Geschichte dieser Bilder hier ein Ende findet. Tipps, Vorschläge und Kontakte sind natürlich sehr willkommen!

Zur Fotosammlung… kolekcja zdjęć / сбор фото / colecție de fotografii

Polski

Kim są ci ludzie? Gdzie są zdjęcia? Gdzie mogę dowiedzieć się więcej i zadać? Sugestie i pomysły są mile widziane! Odpowiedzieć w języku angielskim lub niemieckim…

Pусский

кто эти люди? где были сделаны фотографии? кто-нибудь идеи или предложения? где я мог бы узнать больше или спросить? пожалуйста, ответьте на немецком или английском языке…

Român

Cine sunt oamenii ăștia? în cazul în care au fost luate aceste fotografii? Unde sau cum am putut afla mai multe? Sunt așteaptă cu nerăbdare pentru a ajuta! Răspunde în limba germană sau engleză…

אידישע

ווער זענען די מענטשן? וואו זענען די פאָטאָס גענומען? געדאנקען זענען באַגריסונג! ביטע ענטפער אין דייַטש אָדער ענגליש …

Korrektur: ich hatte anfänglich versehentlich geschrieben, dass Lemberg polnisch ist, natürlich ein Fehler, denn die Stadt liegt heute etwas unterhalb in der Ukraine. Die Herkunft der Bilder ist also etwas vermischt – polnisch-ukrainisch-rumänisch-was-auch-immer… aus heutiger Sicht. Man weiß es eigentlich nicht.