Startseite
Updates · Suchen

Podiumsdiskussionen

2014-12-04

Gerade bin ich zufällig über einen Beitrag vom Danisch gestoßen, wo er Podiumsdiskussionen an die Wand klatscht und ich muss glatt sagen: absolut und ausnahmsweise bin ich da mal wieder seiner Meinung. Ansonsten kann man seinen Blog unter dem Schlagwort „Männer und ihre Angst vor starken Frauen“ in das Archiv legen und man kann ihn vermutlich auch nur schwer verdauen als unbedarfter Leser, aber wenn es um IT-Themen geht, dann ist er ja sehr ok. Fairness.

Wie auch immer – ich habe Podiumsdiskussionen ebenso immer schon nicht verstehen bzw. ihnen relativ wenig abgewinnen können. Bis heute habe ich in meiner gesamten Laufbahn in der Welt von geschriebenen „Medien“, BarCamps und sonstigen Veranstaltungen rund um Journalismus, IT, Sicherheit, Mode, Fotografie und sonstigen, kreativen Auswüchsen, erst eine einzige – eine EINZIGE – wirklich gute Podiumsdiskussion erlebt, der ich das Recht zuspreche, sich rühmen zu dürfen.

Und zwar war das vor vielen, vielen Monden Jahren im Rahmen der Architekturtage in irgendeinem kleinen Raum in einem Randbezirk von Wien… damals sprachen ein paar Gesichter aus der klassischen Architekturwelt sowie Kreative über die Gestaltung des öffentlichen Raumes und welche alternativen Ansätze es da geben kann. Zugegeben, es klingt jetzt ziemlich fad und trocken, schon das Thema alleine ist eher in der Kategorie sinnlos einzugliedern, da der öffentliche Raum sowieso durch Geld und Wirtschaftsinteressen durchsetzt ist und die meisten künstlerischen Projekte eine reine Alibi-Funktion erfüllen.

Nichts desto trotz, entstand dann in einer abgesifften, staubigen Pseudo-Wohnzimmer-Atmosphäre eine rege Gesprächsdynamik zwischen einem recht jungen Publikum und dem Ostblock-Style-„Podium“ (rauchende Typen, alte Sessel und ausgefranstes Sofa), das Ganze auf recht engem Raum und es hätte auch in einer der mittlerweile abgewanderten Industriestädte der ehemaligen Sowjetunion weit oben im Nord-Osten sein können, Rauhfasertapete noch und etwas Wodka – alles gut.

Der Gesprächsfaden begann sich von technisch vernetzten, selbstdenkenden Städten und ähnlichen Zukunftsvisionen bis hin zu der eigenen Gestaltung durch „Urban & Guerilla Gardening“ zu spinnen – angeregt durch gute, durchdachte und dennoch spontane Fragen und den Podiumsgästen, die direkt mit dem Publikum sprachen, deren Ansätze einbrachten und auch lebhaft und intensiv miteinander diskutierten, sich erklärten und dabei dem Anderen aber nicht die Reputation absprachen.

Diese Stimmung ist mir noch sehr lebhaft in Erinnerung und es tat richtig gut, denn irgendwie hatten alle, meiner Meinung nach, anschließend das Gefühl, etwas „erreicht“ zu haben. Der Geist wurde geöffnet, man hatte Neues kennengelernt, neue Ansichten gewonnen und konnte einen Blick auf eine reale Zukunft gewinnen, die es heute in kleinen Ansätzen sogar gibt oder zumindest bald geben wird.

Aber wie gesagt – das war die eine, klassische und und rühmliche Ausnahme. Dem Rest will ich jetzt ein kurzes Zitat vom Danisch unterstellen, zu Recht nämlich:

{{ „Mir geht das sowas von auf den Geist, dass da immer mehr in Podiumsdiskussionen zerlabert wird. Das ist so richtig was für geistig Arme, setzt sich aber immer mehr durch. Man muss nichts vorbereiten, keinen Vortrag erstellen. Deshalb ist es leichter, überhaupt Redner zu finden. Firmenlobbyisten, die gegen Regulierung sind, würden darüber ja kaum einen Vortrag halten.“

Danisch

Genau das trifft es auf den Punkt. Kostengünstig und man umschifft damit die Peinlichkeiten, niemanden zu finden. Da werden z.B. auch Blogger, die von Produktgutscheinen, zuviel MakeUp und Selfies leiden leben, schnell zu Experten und als der Fels in der Brandung geführt, die seit 30 Jahren 2 Jahren in der Blogosphäre den Ton angeben. „Hallo, ich bin XX und ich blogge schon (Betonung!) seit 2 Jahren, bin also von Anfang an dabei und…“ Aber es wird noch besser ausformuliert:

{{ „Manche andere bekämen gar keine 20 oder 30 Minuten mit konsistenter Rede zustande. Wieder andere würden zwar beliebig lange reden, aber bei jeder Folie dasselbe sagen. Man muss auch keine richtige Aussage haben. Man setzt sich halt hin, guckt, was passiert, und erzählt, was einem einfällt. Fällt einem nichts ein, fängt man mit jemandem Streit an oder sagt halt weniger. Herrlich für Selbstdarsteller, Kurzstreckendenker und Positionslose. Und viel effizienter. Man bekommt in 90 Minuten 5 Leute unter.“

Danisch

Danke. Abermals auf den Punkt gebracht – so ist es. Erinnert mich an den mühsamen Abschluss einer gewissen Scherpe (ja, genau die, die heutzutage ein medial sehr gut verkauftes präsentes Buch rausgebracht hat – über ihr Leben mit einem Stalker), die damals bei einem Fashioncamp in Wien ihre Sicht der Dinge über käufliche, junge Mädchen (die „Milchmädchenblogger“) in der Modeblogger-Branche unters Zuhörervolk brachte… das Ganze aber mit einer Vehemenz und provokantem Desinteresse gegenüber dem Publikum und deren Einwände, während sie zugleich aber den selben Ursprung hatte.

Das Ganze endete in lebhaften Diskussionen und Beinahe-Streits in lauter Tonlage, einem unruhigen Publikum mit Schnofel im Gesicht und so Aussagen wie „Du hast ja keine Ahnung und Du brauchst gar nichts mehr sagen, Dich ignoriere ich jetzt mal“ gegenüber kritischen Fragen der Zuhörer – wohlgemerkt hatte sie kurz zuvor selber die Diskussionskultur noch hochleben lassen und begrüßt. Gutes Guerilla-Marketing, das richtig gut in vielen Blog-Beiträgen in den Tagen danach dann aufging. Für mich blieb das grausige Fazit von Selbstdarstellung, Verkauf, gezielter Provokation und Werbung der eigenen Person (und Blog), die dann leider dennoch gut klappte.

Ergiebiger war da eigentlich eher der Orangensaft an der Theke und der Smalltalk mit alten Bekannten. Und so laufen die Meisten der Podiumsdiskussionen ab – entweder sie haben gar keinen Inhalt oder jemand steht oben, schreit seine Meinung in die niedrige Zuhörerschaft oder steht so über den Dingen, dass es eh keiner fassen kann… und möchte.

{{ „Jedenfalls nehmen diese Podiumsdiskussionen überhand. Und – wer weiß, vielleicht werd ich alt – ich tue mir damit ziemlich schwer, mir daraus was mitzunehmen. Die schmeißen da halt so Gedankenstücke hin, hin und her, jeder redet was anderes (…) – (…), alle durcheinander auf das Podium liefen, keine vom Publikum aus lesbaren Namensschilder hatten und von den Moderatoren nicht mit Namen, sondern nur mit Gesten und Floskeln („Ich gebe die Frage mal auf diese Seite des Podiums…“) angesprochen wurden, als ob die selbst nicht genau wussten, wer da wer ist. Ich war mir manchmal nicht sicher, wer da jetzt wer ist.“

Danisch

Genauso ist es. Die im Podium sitzen, gehen davon aus, dass sie eh jeder kennt (beneidenswerte Einstellung), denn als zumeist selbst- oder ernannte Experten irgendeiner Floskel-Branche ist es ja nachvollziehbar, dass sie da sitzen (in Wirklichkeit weil sie halt leistbar sind oder Marketing benötigen oder noch schlimmer, dort sein müssen, weil es jemand seitens einer GF und Co. wünscht) und die Sprecher und Leiter sind zumeist so von ihrer Rolle und den offenen Modellen der heutigen Veranstaltungen alias BarCamps und Co. überfordert, dass sie lieber alles nur umschweifen, als auszuformulieren und auch bei den Gesprächen untereinander findet man entweder die übliche „Wir san ja eh a Packerl imma scho gwesen, gö“ oder „Noch nie gesehen, noch nie gehört, der kennt sich ja gar nicht aus“ bis hin zu „Des Oarschloch schreibt imma über mi, aja, mit dir red i sicha net“-Mentalität.

So dieses offene „Ja, toll – eine Diskussion unter uns und auch das Publikum ist dabei, schön – sehr fein, mag jemand etwas fragen, interessieren Euch gewisse Aspekte, wir können hier gerne etwas abweichen, was sagst Du dazu und wie ist Deine Meinung, und Deine, auch Deine – und Eure da vorne und unten? Lasst uns mal zusammenfassen und übrigens, warum glaubst Du, hast Du da einen guten Einblick, was machst Du…“ das findet man einfach nicht. Leider.

Herrlich Zum Kotzen sind vor allem abgeschottete Podiumsdiskussionen, auf denen das Podium miteinander in Floskeln redet, weil es sich eh alle paar Wochen auf diesen und jenen Veranstaltungen, Projekten, Kooperativen und Aktivitäten sehen – und das Publikum nicht existent dabei ist, in keinster Form, oder solche, wo alle mit großen Augen in die Stille schauen und warten (und hoffen), dass jemand im Publikum mit viel Glück genau das fragt, wo derjenige am Podium überhaupt was dazu sagen kann, weil was gibt es denn gerade groß zu diskutieren?! Es hat ja eh jeder seine unabweichliche Meinung und Ansichten.

Wie auch immer – ich finde es fast besser, feste Redner als Programm zu führen, die einen Vortrag halten, der hoffentlich gut gestaltet ist, und anschließend einen kleinen Raum mit gemütlichen Sitzmöglichkeiten, wo ein paar Geschickte eine Diskussion ausformulieren, zu der sich jeder ungeachtet seines Status hinzugesellen kann. So geschehen einmal bei Microsoft Österreich in einem kleinen Besprechungsraum, wo im Rahmen eines BarCamps Geschäftsführer, Manager und junge Hobby-ITler zusammen an einem Tisch bei gedämpften Licht saßen und sich gegenseitig mit viel Respekt und Interesse die Welt erklärten und verständlich machten – das war richtig gut. Und das ganz ohne Experten und Konzept und Plan und Vorgabe, dass man überhaupt diskutieren muss. Gelebte Dynamik.

Ich finde also ebenso, dass in der heutigen Zeit der jetzigen Generationsmentalität Podiumsdiskussionen für die Katz und eher in der Kategorie Schmafu zu führen sind. Hat ja zudem auch ein bisschen was von Pseudodemokratie an sich, die aber eben naturgemäß nicht ganz klappt und einen schalen Nachgeschmack hinterlässt.

Nachtrag

Ein sehr guter Beitrag von ihm, den ich tatsächlich noch rasch empfehlen muss und den man auch lesen sollte, denn darin sind einige gute Eckpunkte enthalten zu dem Thema: Meinungsfreiheit in Kommentaren. Tatsächlich ein Dilemma, dessen Brisanz größer ist denn je – nicht nur in privaten Blogs. Lesetipp (ungeachtet der Ausrichtung seiner Meinung und Ansichten, mir geht es um den Basisgrund, den ich hier nicht nochmal extra als eigenen Beitrag nachbloggen möchte).

Vor allem im Hinblick darauf, dass man auch unangenehme Meinung sachlich zulassen und behandeln muss – aussperren bringt nicht viel und ist auch keine Lösung.