Seiko 5

Ich konnte nicht anders. Beim Herumstöbern im weltweiten Netz, bin ich irgendwann über ein kleines Foto in der Suchmaschine gestolpert, wo man eine eher kleine, dezente, aber glänzende Uhr mit Goldzeigern und einem hellbraunen Lederarmband erkennen konnte. Und ich habe seltsamerweise in erneuter geistiger Umnachtung darauf geklickt, obwohl ich einerseits generell überhaupt keine Uhren mit goldfarbenen Elementen mag, weil ich prinzipiell das Material visuell nicht so spannend finde, ich selber auch der völlig unpassende Typ dafür bin und es zumeist auch auf mich recht billig und primitiv wirkt. Gold als Stilelement ist für mich ein Bruch der eigenen Konventionen. Aber scheinbar bin ich nicht mehr berechenbar.

Denn diese Uhr hat mir auf Anhieb - und ohne dass ich mich irgendwie dagegen wehren konnte - augenblicklich gefallen und ist mir tagelang nicht aus dem Kopf gegangen und ich habe mir das Foto immer wieder angeschaut. Also musste ich sie mir doch schweren Herzens und mit ein wenig schlechtem Gewissen bestellen. Nun ja. Mh. Und dann war sie da.

Sie ist glücklicherweise nicht so auffällig, wie ein wenig befürchtet und je nach Armband verändert die Kleine ihren Charakter recht stark. Außerdem ist sie sympathischerweise eine Automatikuhr, wird also durch Handbewegungen mechanisch aufgezogen und gehört noch dazu zur klassischen Seiko 5-Serie, die zwar ziemlich billig ist, aber durchwegs gute Rezensionen und Erfahrungen aufweist und auch in vielen Foren nicht besonders oft kritisiert wird - bei der Preisklasse unter 80~90 Euro überraschend, da oft gerne beschworen wird, dass ernsthafte, langlebige Automatikuhren erst ab 500~1000 Euro aufwärts auch als Investition in eine qualitative Funktionstüchtigkeit Sinn machen und darunter es praktisch immer verpulvertes Geld ist und man schnell aufgrund von mechanischen Problemen einen Kauf bereut.

Wir werden sehen... bisher bin ich glücklich und das Risiko ist es mir auch wert, denn ich atme und denke jetzt gerade. Wer weiß, was morgen ist. Langzeiterfahrung kann ich deshalb noch keine geben, aber zumindest darf ich Etwas bestätigen, das auch Andere berichtet haben: sie ist wirklich von der ersten Minute an sympathisch und angenehm, hat ein sehr freundliches Auftreten und bleibt nicht nur wegen ihrer eher kleinen Größe recht dezent im Alltag und Hintergrund. Speziell in der nun kommenden Herbst-Winter-Zeit in Kombi mit Pulli und Jacke, schmiegt sie sich unmerklich an. Zudem ist sie mit ihren 86 Gramm sehr leicht und man spürt sie also beim Tragen kaum und ist auch schnell "vergessen", was positiv zu werten ist, hat aber trotzdem ein solides Gewicht.

Leider kommt sie von Haus aus mit einem proletarischen Glieder-Metallarmband daher, was sie enorm billig und hässlich macht, sobald man aber das klapprige Zeugs ablöst, macht die Kleine gleich viel mehr Sinn und strahlt sogar "Eleganz" aus. Ein altes Lederarmband, das ich ursprünglich angedacht hatte, hat sich leider gleich als Fehlschlag erwiesen, da sich die Naht gelöst hatte, deswegen surrt sie nun vorläufig auf einem klassischen, bläulichen Nato-Bändchen von der Quarz-Timex ihre Runden, was aber keinerlei Abbruch im visuellen Erscheinen bedeutet. Dennoch werde ich mich noch nach einem hellen, langlebigen Bändchen in Braun umsehen, denn dann wirkt das Ganze sicherlich etwas erdiger und ruhiger. Vielleicht sogar seriös.

Wie bei Automatikuhren üblich, treibt das mechanische Werk, das durch Handbewegung und somit ohne Batterie angetrieben wird und zudem mit einem transparenten Glasboden bedeckt ist, mit den vielen Rädchen und den - in diesem Fall und bei dieser Preisklasse - 21 Steinen mit seiner Feder den schlanken Sekundenzeiger ohne dem obligatorischen Bruch einer Sekundenpause im Kreis, sprich also in einem flüssigen, ununterbrochenen Dauerlauf ohne Ruckeln - eine Erscheinung, die mir immer schon visuell zugesagt hat und die Gangreserve liegt auf jeden Fall bei einem Tag, soweit ich das bis jetzt beobachten konnte.

Das Datum erscheint je nach Einstellung in Englisch oder Französisch und an den Wochenenden werden Samstag und Sonntag farbig in Blau und Rot hervorgehoben, während unter der Woche die Tage in schwarzer, klassischer Schrift angezeigt werden. Ansonsten bietet das Ziffernblatt keinen unnötigen Schnickschnack, die lumineszierende Zeiger und Stundenmarkierungen sind im Dunklen durchaus gut erkennbar, verblassen aber dann doch relativ flott. Stört mich aber nicht weiters. Das Ziffernblatt, das durch Mineralglas geschützt wird, hebt das Ganze nochmals, denn es hat eine fein strukturierte Oberfläche - sehr fein.

Bisheriges Fazit: Seitdem die kleine Seiko bei mir gelandet ist, begleitet sie mich nun bereits jeden Tag - in Kombi mit den anderen Armbanduhren, mit denen diese Odyssee begonnen hatte (ja, dieser Kommerz ist mir eh peinlich) - durch die große Welt und fällt auch zumeist nur mir selber auf, was ich ja sehr mag - diese kleinen Freuden im Alltagsleben, die man nur mit sich selber teilt und es trotzdem Spaß macht. Sie wirkt auf jeden Fall deutlich hochwertiger als ursprünglich gedacht (so wie auch schon von vielen Anderen beschrieben wurde) und ich bin gespannt, wie lange ihr Herz tatsächlich schlagen wird... Berichte werden folgen und auch Fotos, wenn ein schöneres Bändchen gefunden wird. \o/

Nachtrag: Armband

Und ein weiterer Zufall des Lebens, denn ich wollte gestern schon noch mal eben schnell ein Lederarmband bestellen, konnte mich aber dann doch nicht entscheiden und bin dann zu Bett gegangen. Während des Einschlafens ist mir dann unerwartet eingefallen, dass ich ja noch ein 8 Euro-Armband herumkullern hatte, sogar noch ungebraucht, weil es für meine Zwecke damals zu schmal war und eher seltsam wirkte, weil zu glatt und zu Plastikhaft, obwohl Echtleder.

Der kleinen Seiko aber passt es durchaus, auch wenn es um 2mm zu schmal ist (18er, statt 20er), dennoch ist dieses Problem zumindest mal vorläufig ohne zusätzlichen Kauf gelöst und ich gewöhne mich einfach daran. Durch das eher schmale Band wirkt sie sogar noch eine Spur dezenter - und ich gehe auch davon aus und hoffe es, dass das Band noch etwas dunkler und "verlebter" wird.

Übrigens und so nebenbei sieht man auf dem Foto auch gleich die rote Anzeige des Sonntags. Ich mag solche kleinen Details!

Nachtrag: Sie läuft und läuft...

Noch schnell eine heutige Nahaufnahme von unterwegs während einer kleinen Pause. Sie surrt solide vor sich hin, ich lege sie am Abend und in der Nacht zwar immer ab, aber die Gangreserve scheint bei Weitem für weit aus mehr zu reichen und es dürfte so ca. eine knappe oder halbe Minute sein, die die Seiko nach einer Woche abweicht - ich berücksichtige aber auch nicht die verkehrte Ruhelage des Werkes, die oftmals zum Aufholen der Zeit empfohlen wird... somit dreht sie gut und treu und entspricht den Standards der Automatikuhren auf diesem Level. Ich habe mich in die Kleine wirklich verliebt und kann sie auch nur loben. Seufz! \o/

Nachtrag 2017: Die Silberne

Der Herbst steht vor der Türe und man wird immer ein wenig wehmütig. So klopfen die Erinnerungen an die alten Zeiten an und ein wenige Vintage aus der Retrospektive verirrt sich da dann schon durchaus mal an das Handgelenk. Aber es ging nicht anders... ich bin den Sirenen verfallen!

Nachtrag: Die Schwarze

Regen, Sturm und Wind. Es ist rau da draußen, das Leben gibt und nimmt. Manchmal die Dynamik und manchmal auch ein schwarzes Ziffernblatt. Es fügt sich mehr und mehr zusammen.

Nachtrag: Die Familie

Es tut mir leid, aber ich konnte wirklich nicht anders. Dieses Glück musste einfach sein! Hach! Und ja, die Goldene geht etwas vor, aber ich hatte sie auch nie genau eingestellt gehabt. \o/

Nachtrag 2018

Mittlerweile ist die silberne Seiko meine Alltagsuhr geworden und begleitet mich tagtäglich durch den Arbeitsalltag. Ich liebe dieses Stück tatsächlich und sie ist die perfekte Mischung an Ruhe, Klassik und trotzdem irgendwie jung geblieben. Freue mich noch immer unverändert, wenn ich sie im Laufe eines Tages mal so nebenbei anschauen... und es scheint kein Ende zu nehmen. Hier habe ich wohl wirklich einen Glücksgriff gemacht. Und an Wochenenden und Feiertagen kommt die Goldene ans Sonnenlicht und an Regentagen und wenn mal die Stimmung etwas gedrückter ist, vorübergehend die Schwarze... eine großartige Familie. \o/

Nachtrag 2018

Einfach aus Prinzip musste die kleine, flache Quarz-Seiko auch noch in die Sammlung. Auch wenn es nur eine schlichte Massen-Abkupferung einer Cartier Klassiker-Uhr ist, gefällt sie mir gut. Auch wenn sie natürlich nicht mal ansatzweise zu meinem alltäglichen Outfit passt und auch nicht zu meiner Person... aber egal. Flach, sehr leicht, silbernes Ziffernblatt und generell ein sehr zartes Erscheinungsbild. Man lebt nur einmal! \o/


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Emanuel Sprosec, am 2018/07/03 19:25 · # · Wien, Österreich · emanuel//at//mulischaf.com