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Sonnenaufgang

2015-03-08

Ich wollte eigentlich etwas Philosophisches schreiben, also wortreiche Inhalte wie „Wenn sich das Leben gerade nur um das Leben dreht und man ein wenig Abstand gewinnen will, dann….“ aber irgendwie wäre das jetzt doch zu übertrieben. Deswegen belasse ich es einfach bei ein paar Sätzen und Fotos.

Sonnenaufgang Wien

Also ja, ich benötige Abstand und ja, es tut gut, auf einem Hügel zu stehen, der Erste und Einzige zu sein und über eine Stadt zu blicken, die in dem Moment noch tief schläft und erstaunlich leise klingt. Und noch feiner wird es, wenn sich am Horizont langsam ein Lichtschein formt… und das Wetter auch noch klar und kühl ist. Ein langsames Erwachen des Frühlings.

Sonnenaufgang Wien

Ein Specht ist mit mir noch da, ein paar Blaumeisen und irgendwo sitzt eine Amsel und singt ihren Morgengesang, welcher die Umgebung in eine farbliche Akustik taucht, die ebenso fast so schön-kitschig ist, wie das Farbenspiel in der Ferne.

Weitblick Wien

Eine kleine Kamera läuft ebenfalls lautlos mit und hält alle paar Sekunden ein Bild fest. Es ist ein kleiner Test meinerseits, allerdings habe ich so wie immer ein paar Kleinigkeiten vergessen, aber daran habe ich mich bereits schon gewöhnt. Zum Beispiel den zweiten Akku. Ein Schokoriegel tröstet mich.

Sonnenaufgang Wien

Es ist eiskalt. Handschuhe zählen ebenso zu den Dingen, die ich das nächste Mal mitnehmen werde, ebenso einen Schal, denn der Wind ist an der Stelle sehr intensiv, fast ein wenig stürmisch. Eine kleine Blaumeise setzt sich beinahe direkt zu mir und sucht kleine Körner am Boden. Ein klassischer Kulturfolger des Menschen.

Sonnenaufgang Wien

Die Stadt verliert sogar ein wenig ihren Schrecken aus der Ferne, aber dennoch wirkt sie immer ein wenig bedrohlich, schwer und dunkel. Es ist fast apokalyptisch aus der Ferne, mit den Spuren der Jets am Himmel, der grauen Dunsthaube und dem leisen Rauschen, das irgendwie elektronisch klingt. Als wäre die Stadt so etwas wie ein gewaltiger Computer, die Häuser lauter Chips und Prozessoren und die Lichter der Autos auf der Autobahn und in den Straßen die Daten, die ihre Spuren langsam durch das Gewirr der Vernetzung ziehen. Das Leben ändert sich.

Sonnenaufgang Wien

Und es ist soweit. Auf einem Foto wirkt die Sonne immer kleiner als sie es eigentlich in Natura ist, aber das macht nichts. Binnen eines Augenblicks taucht aus dem grauen Nichts plötzlich eine rote Sichel auf, es flimmert leicht und fast im Sekundentakt schiebt sich das große Auge des Lebensfeuer nach oben…

Sonnenaufgang Wien

Die kalte Morgenluft, die noch etwas Eis in sich trägt, wird plötzlich von Strahlen durchbrochen und wärmt sich augenblicklich auf, man spürt sogar in dem frühen Stadium bereits die ganze Kraft dieser Feuerkugel, die uns seit Jahrmillionen das Leben schenkt. Man kann das noch so oft sehen, die Kraft des Eindruckes verliert ein Sonnenaufgang wohl nie.

Sonnenaufgang Wien

Auch wenn man es hier nicht sieht, aber die Kugel ist scharf umzeichnet, man hat das Gefühl, dass man sie fast in die Hand nehmen kann, sie versetzen und die Welt neu ordnen. Der Vogelgesang wird lauter und auch der Specht legt an Intensivität zu.

Sonnenaufgang Wien

Aber in der Stadt schlafen noch alle. Durch das Sonnenlicht verlieren sich die beleuchteten Fenster der Großstadt und sie schaut jetzt noch verschlafener aus, als bereits zuvor. Fast wie verloren und unbesiedelt, sich selbst überlassen. Vergessene Reste einer vergangenen Zivilisation. Menschenstaub.

Sonnenaufgang Wien

Und dann ist sie da… in voller Kraft. Ein neuer Morgen im unendlichen Band des Lebens auf unserer Erde. Ein Vorgang, der sich bereits Millionen Mal wiederholt hat und es auch weiterhin tun wird. Ganz ohne unser Zutun, ohne meine Gedanken und auch ohne meine Kamera. Ein einfacher, physikalischer Prozess unseres Sternensystems, Planeten, die um die Sonne ihre Bahnen ziehen und bei jeder Eigendrehung einen neuen, unendlichen Aufgang ihrer Muttersonne erleben. Auch auf der Erde herrscht irgendwo immer und ununterbrochen ein Sonnenaufgang. Dennoch bleibt es wunderschön und faszinierend.

Das bin ich

Und das bin ich. Ein noch kleineres Licht, das in der Zeitgeschichte wie ein Lidschlag kurz aufploppt und genauso schnell wieder aus dem Band der Zeit verschwindet. Jeder kleine Bewegung erzeugt irgendwo eine Auswirkung, auch der Flügelschlag eines Zitronenfalters und formt das Ganze. Man ist ein Element des Seins… aber genauso unbedeutend und wiederum verloren darin. In dem Moment relativieren sich auch die ganzen Sehnsüchte und Wünsche des Menschen – Konsum, Anerkennung, Macht, Zukunft, Geschichtsformung, Religion und so weiter – und es bleibt kaum Etwas, außer der schönen Erkenntnis, dass es einfach ist, wie es ist. Man kommt, man geht und kehrt wieder. Alles besteht aus sich selber und formt sich nur wiederum neu. Nichts geht verloren somit. Das beruhigt irgendwie, während die Sonne mich wärmt.

Sonnenaufgang Zeitraffer

Zwei Stunden auf zwei Minuten gepresst. Die kleine Kamera hat beinahe 4000 Fotos gemacht, treu, unauffällig und ohne den Genuss zu stören. Leider musste ich allerdings wiedermal die Qualität extrem stark reduzieren, denn mein alter Laptop schafft es sonst nicht – aber es geht ja auch nur um den Eindruck an sich… Das Video ist also für all jene, die den Sonnenaufgang an diesem Tag nicht sehen konnten.