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Selbstverliebtheit zum Kotzen

2015-01-03

Eigentlich ist es wirklich tragisch. Da bin ich die letzten Tage wieder über diese und jene privaten Blogs, Tagebücher, Weltschmerz und geschriebene Hoffnung da und dort gestoßen – und merke, wie sehr mich das Ganze abstößt. Der kleine Blog von der Susi da, der private Blog vom Karli dort, hier ein Lebensspruch und dort eine Lebensphilosophie… und es erscheint mir unangenehm „peinlich“ irgendwie.

Banal, platt, sinnlos und nicht nachgedacht wiederkäuend irgendwelche Phrasen in die weite Netzwelt werfend und in der Hoffnung, dass auch – hach – jeder sich damit selber entdecken kann und den wahren Weg des Lebens findet. Spätestens ab dem Moment muss ich gerade an den Vater auf der Mariahilferstraße denken, der mit weit ausgebreiteten Armen stehend mich nachdenklich anschaute, dann auf den Kinderwagen, dann wieder auf mich und in die Ferne… als ich vorbeistapfte, verstand ich ihn. Nicht nur er war von oben bis unten vollgekotzt, sondern auch der kleine Fratz im Wagerl. Nicht nur mit ein paar Tropfen, sondern literweise. Komplett durchtränkt.

Eine schweigende, stille Darbietung vollkommenden Elends. Und natürlich weder Taschentuch noch sonstwas in Sicht, geschweige denn von Ersatzkleidung und das Ganze auch noch bei dem kalten Wetter. Und man sah in den Augen des Vaters diese Fassungslosigkeit und Fragestellung, wie es jemals soweit kommen konnte.

Und so geht es mir manchmal und punktuell wie jetzt gerade, wenn ich meine eigenen Einträge dann nach solchen Surf-Expeditionen durchlese. Schon alleine die letzten Einträge rund um das – hach – selber finden, folge deinen Träumen, sei du selber, jeder kleine Baustein im Leben ist der Weg zum Glück… uff, es würgt gerade schon wieder und schüttelt mich.

Also nur dass man mich versteht und es auch klar und deutlich ist, dass das nur Ausreißer sind, hinter die ich mich aber in Wirklichkeit nicht mal selber stellen kann. In dem einen Moment erscheint es mir sehr natürlich und gut, solche Plattitüden von mir zu geben, hilft mir in dem einen Moment vermutlich auch, meine nachdenkliche Seite formen zu können… aber ganz ehrlich… wir wissen alle, dass es eigentlich alles nur Schrott ist und Ofen-Geschwafel aus der Retorte der Massen-Philosophie. Seinen Weg finden, sein wahres Ich *würg* und die Hoffnung auf das bessere Leben ist ja alles gut und schön, aber die Realität besteht dann trotzdem aus dem Supermarkt-Schlangen-stehen, dem Rechnungen einzahlen (übrigens das erste Mail am 1.1.2015 war eine Rechnung um 5:39 Uhr) und sich mit anderen sozialen Wesen rumschlagen, die einem ebenfalls erklären, wo und wann und wie man denn zu einem besseren, gütigen, selbstbestimmten und zufriedenen Menschen wird, während sie selber die Augenringe mit Feuchtigkeitscreme aufpumpen und ihre Ticks und abgekauten Nägel hektisch in der Jackentasche ausreiben.

Na wirklich. Mittlerweile tue ich mir gerade mit dem ganzen Online-Firlefanz unglaublich schwer. Da liest man nichtsahnend über abgemahnte Blogs, die dramatische Geschichte einer Userin und ihrer kleinen Seite und wie tief sie da in die Tasche greifen musste wegen einer Urheberrechtsverletzung – arm und hilflos… und dann schaut man sich die Seite an und würde am liebsten nicht nur den Beitrag, sondern alles daran aber sowas von gewaltig abmahnen. Sogar sie selber. Wegen verursachtem Augenkrebs, Banalität, Schwachtum und idiotischen Lebensprüchen wie „Lebe Dein Leben und finde Dich selbst“ und „Ich fühlte mich immer schon anders“.

Boah, noch ein Liter an Erbrochenen, das sich virtuell über meine Tastatur ergießt. Und dann die Fotos… ich selber habe ja noch immer die Sammlung online – aber wenn ich dann sehe, dass auch solche Menschen Bluuumen-, Landschaaaafts- und Inseeeekten-Fotos machen und das Ganze mit Lieeebe und Professionaaaalismus und das Ganze dann auch noch mit kitschiger Kreativität vergurgeln, also die 4 beschissenen Standardvorlagen aus dem Jahr 1999 zur Fotoverhässlichung mit „tollen Effekten“, die schon zum Erbrechen waren, als sie in den ersten Foto-Tools damals unnötigerweise erschienen, dann fröstelt es mich, dass ich da auf den selben Spuren wandel und sogar bereits dort angekommen bin… wtf?

Eigentlich zeigt es bald von Größe, wenn man sich NICHT im Netz anbiedert und jedem zeigen muss, wie hach toll man kreativ, nachdenklich, philosophisch, intelligent, durchdacht, politisch und gesellschaftlich gebildet und aktiv ist. Ernsthaft. Gerade graut es mir vor meinen eigenen Einträgen, weil ich da visuell beinahe die lustigen Gif-Animationen und Banner zu Esoterik-Webseiten überall sehen und den Weichzeichner-Effekt aus dem Randbezirk-Fotostudio, wo sich die Liebste mit ihrer schwitzigen Charme vor einem kotzigen rosa Seidentuch räkelt, um dem unterbelichteten Liebsten eine Freude zum Geburtstag zu machen, man aber nicht mal die billige Unterwäsche vor lauter Bauchröllchen und dem digitalen Schmalz auf der Linse sieht. Katastrophe alles.

Ich muss wirklich und ganz ernst aufpassen, dass ich nicht auch in dieses Pseudo-Gequatsche um das Nichts stolpere und hier mein armes, kleines Herz *snief* ausschütte, damit ihr das ganz dolle drücken könnt *schluchz*. Brrr. Kotz.

Wenn ich mir so meine wirklich alten Blog-Einträge aus den Backups von vor zehn-fünf Jahren durchlese, dann gab es da viel mehr Abwechslung, Vernunft, Klarheit, viel mehr aus dem „Leben“ selber, also nicht so Ich-bin-jetzt-mal-depressiv-nachdenklich, sondern eher so Hey-heute-habe-ich-dieses-und-jenes-erlebt und ihr allen anderen Emos könnt jetzt mal ficken gehen. Wo ist das bitte hin?

Bin ich jetzt auch schon zu so einem alten Sack geworden, dem das Leben entsprungen und verloren gegangen ist? Oder so hilflos festgeschnallt im Kinderwagerl, mit Erbrochenem durchtränkt und außer Heulen und Schauen ist nix da an geistiger Substanz? Furchtbar.

Ernsthaft – jeder der eine Webseite, Blog, Forum, Projekt, was auch immer in die unnützen digitalen Wolke bläst und dort mit Lebensbla, Zitaten, Schmalzfotos und Allerweltssprüchen daherkommt, dem sollte man sofort den Netzzugang entziehen und am besten eine Therapie verpassen oder gleich biologisch archivieren. Ist wirklich besser für alle Beteiligten, denn noch mehr Selbstverliebtheit, Arroganz gegenüber anderen Humanoiden und die sinnlose Suche nach dem Sinn ist da einfach zuviel für diese Welt. Kein Wunder, dass man die meisten Blogger als waschechte Vollidioten darstellen muss.

Da muss ich glatt dem soeben jetzt beim Schreiben gefundenen Felix beipflichten: „ix höre auf zu bloggen„. Und bitte… er hat das vor acht Jahren (!) geschrieben und die Situation ist nicht anders geworden. Ganz im Gegenteil, denn ich werde nicht besser, sondern wandel genau auf diesem Pfad entlang.

Damit muss jetzt echt mal Schluss sein. *kotzeabwisch* Kann doch nicht sein, dass es da Tausende Webseiten mit Deppen gibt und alle suhlen sich da in ihrer Berufung der geistigen Höhen und Erkenntnis. Auch dieser ganze private Quatsch über sein früheres Leben… jo eh, und? Weiter? Beim Forum habe ich dort den „Warum„-Text erneuert und beim Tippen, aber auch beim Lesen jetzt denke ich mir… mein Gott, jetzt mache ich das schon wieder! Wieder das Gesülze über Gemeinsamkeit, Liebe, Retro und lasst uns gemeinsam was auf die Beine stellen. Wen interessiert das heutzutage bitte?!? Warum bin ich selber so ein Volldepp? Die kleine Geschichte kann schlafen gehen und sich kompostieren. Forum da und aus. Wozu da noch Herzchen drüber kippen? Damit es besser verrottet?

Gestern bin ich kurz durch die Stadt getingelt und beim Heldenplatz vorbeigestapft. Da standen tatsächlich 4000 Touristen einfach so in der Gegend rum und allen fällt nichts anderes ein, als alle den selben Laternenpfosten, das selbe Gebäude und die selbe Umgebung zu fotografieren – und das stündlich. Und nicht nur einfach so ein Foto, sondern auch natürlich immer abwechselnd mit sich selber davor. Jetzt mal ehrlich – was ist das für ein Scheiß? Da werden am Tag vermutlich an die 40.000 Selfies an dieser einen Stelle gemacht, die in 40.000 Online-Profilen auftauchen, mit vermutlich 80.000 Likes und Herzchen. Für ein Idiotenfoto vor einem Steingebäude, wo man blöd gestellt lächelt, während einem sowieso gerade der Partner am Arsch geht und man Hunger und Durst hat und sich ärgert, dass alles so teuer hier ist.

In was für einer Welt sind wir angekommen?

Jetzt komme ich nicht wieder mit dem Retro-Scheiß daher, weil natürlich war das Netz früher nicht besser. Da ist man in den IRC-Kanälen richtiggehend verprügelt, beschimpft, gedisst und was weiß ich was alles worden, in Foren gab es kiloweise animierte Smilies und Signaturen bei jedem User, die dreimal länger als die Texte waren und die Inhalte waren genauso primitiv und banal wie heute… aber es war damals wenigstens nur wenigen Schwachköpfen zugänglich, während sich die breite Masse in billigen Massen-Chatrooms bei GMX, Yahoo und Geocities unterhielten und dort tausende Herzchen verschütteten und Flowerpower verteilten. Immerhin war es alles ein wenig „geekiger“ als heute.

Jeder Vollpfosten kann heute Bloggen und das Netz mit Schwachsinn noch mehr verschludern und ich tue da in letzter Zeit nichts anderes. Konstruktives, Interessantes oder Dinge, die Wissen vermitteln sind da schon lange fehl am Platz. Dabei war das mal der Hintergedanke. Aber gut – jeder der bloggt oder online sein Zeug klatscht, sucht wohl nach Bestätigung, die er sonst nirgends findet. Gescheiterte Existenzen. Früher hat man sich ein Buch genommen, Freunde getroffen, ist spazieren gegangen und einmal die Woche gab’s eine kollektive TV-Banalität alias Wetten, dass…? und gut war das Leben.

Ein Trauerspiel alles. Der kleine Junge im Kinderwagerl hat es verdeutlicht und der Vater als Verursacher und Begründer der Situation hat erfasst, was für ein Dilemma er in die Welt gesetzt hat. In eine Welt, die eh schon damit überfrachtet und überfordert ist.

Ja. Ich bin gerade genervt. Von mir selber. Und überhaupt. Und warum hat noch keiner bei der Umfrage im Forum mitgemacht?! Ihr müsst Euch ja nicht mal dazu registrieren… kann ja bitte dann nicht so schwer sein, mal eine Nettigkeit zu verteilen?! Wer da Zeit hat, den Schmarrn hier komplett bis hierher zu lesen, hat auch wahrlich genug Lebenszeit für solche Dinge – da braucht niemand jetzt was Anderes erzählen. Wir sind keine Kindergarten-Gruppe mit Pinocchio-Nasen-Maske.

Aja, Pinocchio – ich habe ihn gehasst. Auch so ein totaaal eloquenter, selbstverliebter Heini, der glaubt, die ganze Welt dreht sich um ihn und seine Gina und er hat jetzt den Anspruch angeschaut zu werden. Man kann nur jedem Vater und Mutter dankbar um den Hals fallen, die ihren Sprösslingen so einen Dreck untersagen und sie stattdessen mit einem Taschenmesser, einer Schnur und Streichhölzern auf eine trockene Wiese mit Holzheustadl, tiefem Bach und mit hohen Bäumen rundherum spielen schicken. Natürliche Selektion fehlt nämlich online irgendwie vollkommen.

Keuch. Geht mir doch am **** alles hier im Netz. Und ich tippe. Vollpfosten.