Startseite · Updates · Suchen · Zuletzt aktualisiert am: 2018-08-13

Lucy

Das Katzenleben

Vor vielen Jahren habe ich damals von meiner Exfreundin zwei Katzen übernommen - zwei Geschwisterchen. Ihr Leben lang waren sie Hauskatzen und kannten auch nur das Wohnungsleben, was natürlich in meiner Altbauwohnung ein großer Vorteil war.

Das Einleben damals mit wenigen Jahren ging völlig problemlos innerhalb weniger Tage über die Bühne, ein Kratzbaum und diverses Spielzeug folgte - bis auf diese idotischen Feder-Stäbe da, denn noch blöder geht es ja gar nicht - stattdessen nimmt man einfach einen Zwirn und ein Ohrstäbchen und lässt sie ein wenig danach jagen. Das macht den Besitzer fit und die Katzen ebenso und steigert auch zugleich die Freude auf allen Seiten. Pures Glück. Generell vertrete ich da ein wenig den Wild-Faktor... Futter erarbeiten, etwas jagen zuvor und auch mal vor einem Problem stehen lassen, damit ein wenig der Geist angeregt wird und es nicht so schnell langweilig wird.

Die Welt war relativ in Ordnung, auch wenn für mich schon lange klar war, dass es das letzte Mal sein wird, dass ich Säugetiere in einer Wohnung halten werde. Es ist einfach ein unglaublicher Egoismus des Menschen, ein Bedürfnis nach Nähe und Zuneigung sowie Beschäftigung und wenn man sich ehrlich ist, dann ist auch das Kuscheln und Kraulen mit Katzen und darüber sprechen, einfach eine recht banale Selbstbetreuung auf psychologischer Ebene und Eigenbedarf. Katzen haben ebenso wenig wie Hunde, Hamster oder Zierfische etwas in einer Wohnung zu suchen. Es ist eine Quälerei - es sei denn man verbringt am Tag mehr als 10 Stunden intensiv gemeinsam mit dem Tier, geht mit ihnen raus oder ermöglicht mehrfach täglich einen völlig freien Auslauf und fordert sie auch im Alltag mit ständig wechselnden Aufgaben. Aber das reine Wohnungsleben und dieses ständige Warten auf das nächste Mal Füttern und "die Spielstunde" ist eigentlich jämmerlich und kläglich. Vor allem von uns Menschen aus, die ja dabei sogar noch davon ausgehen, damit etwas "Gutes" zu tun.

Aber einfach mal weggeben wollte ich sie natürlich nicht, man gewinnt sie ja dann doch gerne und lieb (und ja, man blendet dann gerne das eigene Ich aus, denn selber macht man es ja natürlich "immer besser") - nur daraus lernen wollte ich, das war mir klar. Aber wie das Schicksal so spielt, ändern sich die Umstände generell schneller, als einem lieb ist.

Diabetes

Eines Tages wurde mir bewusst, dass Lucy (der übrigens ein männlicher Kater ist~war) immer öfter gerne im Waschbecken lag. Und zwar auch unmittelbar nach dem Händewaschen und so weiter, auch wenn das Becken noch nass war. Ungewöhnlich für eine Katze und auch wenn er als kleines Fluffi damals gerne in der knöcheltiefen Badewanne herumtobte und sich im Wasser suhlte und ausgesprochen fröhlich war, war es für das Alter nun doch auffällig. Eine Freundin merkte an, dass der Kleine vielleicht etwas sucht... aber es blieb einfach eine Auffälligkeit und nicht mehr.

Ein~zwei Monate später füllte ich innerhalb weniger Tage den Trinknapf mehrfach auf und erst da wurde mir sein unglaublicher Durst bewusst. Ständig wollte er frisches Wasser, ständig musste ich das Wasser auswechseln und wenn nur ein Staubfaden darin war, auch Händewaschen oder Duschen ohne Abschlecken wurde innerhalb weniger Tage fast ein Ding der Unmöglichkeit. Ich dachte mir noch nicht sehr viel dabei und schob diesen Effekt auf die zu der Zeit extrem trockene Luft in der Wohnung, die im Winter und Frühjahr durch das Heizen immer wieder entsteht (und dabei auch mir immer wieder mal einen trockenen Rachen und Nase beschert).

Wenige Tage später zeigte sich der nächste Effekt... ein massiver Heißhunger. Ständig Hunger, Hunger, Hunger und Durst. Es wurde fast zu einem Wahn, der darin endete, dass wir beim Tierarzt standen. Der seufzte sogleich und die Diagnose war schnell gestellt: Diabetes.

Ich muss anmerken, dass er nie dick war, ganz im Gegenteil - er gehörte immer zu den schlanken, sehr sportlichen, durchtrainierten kleinen Raubkatzen sozusagen. Flink, schnell, sehr beweglich, gerne am Rumlaufen und immer am Springen, ständig aktiv und kein klassischer Patient für so eine Erkrankung. Auch gab es bei mir nie Tellerreste oder mal eben etwas unter den Tisch fallen lassen oder gar irgendeine Menschennahrung, die man bewusst vorsetzt. Klassisches Katzenfutter mit einem relativ hohen Fleischanteil und zwar das Selbe, das schon die Vorgänger-Katzen bei meiner damaligen Freundin erhielten, von denen keine (und das bei einer großen Anzahl) je an Diabetes erkrankte. Laut Tierarzt tritt dies jedoch durchaus auch bei männlichen Katzen, die kastriert wurden, ab dem Alter von 7~8 Jahren+ auf... eine hormonelle Ursache scheinbar. So der damalige Befund.

Die Herausforderung

Wer schon mal mit so etwas konfrontiert war, der weiß, dass eine Zuckerkranke Katze eine ganz schön ordentliche Herausforderung darstellt... denn nach der Diagnose eines fast 5-fach zu hohen Wertes wurde natürlich Insulin zur Regulierung eingesetzt. Und zwar zweimal täglich mit einer Spritze. Einmal in der Früh und einmal am Abend, alle 12 Stunden quasi und das tagtäglich, das ganze Jahr über und ausnahmslos, inklusive Anpassung der Nahrung und des Rhythmus. Am Abend mal fortgehen? Nein. Mal zwei-drei Tage wegfahren und jemanden finden, der die Spritze zeitlich zweimal täglich verlässlich und richtig setzt sowie dosiert? Nein (bzw. nicht leistbar oder unzumutbar). Blutzuckermessen ist ebenfalls eine Herausforderung, denn er hasste diesen Vorgang... eine Abnahme an den Pfoten war sowieso bei ihm undenkbar, blieb noch das Ohr und das war eine wahre Kunst, die durchaus auch mal eine Stunde benötigte (und viele teure Teststreifen zunichte machte, bis endlich ein passender Tropfen darauf war).

Auf dem heimischen Markt gibt es allerdings nur zwei Produkte zur Regulierung. Eines davon Caninsulin, das eigentlich ursprünglich nur für Hunde gedacht war - deswegen auch der Name. Irgendwann hat man dann einfach die Grenzwerte bzw. den Index der Richtlinien neu angepasst und siehe da, es war plötzlich auch für Katzen nutzbar. Mhm. Ich bereue den anfänglichen Einsatz mittlerweile sehr, denn dieses Zeugs wirkt zwar recht schnell und bringt den Zuckerspiegel flott auf ein Normalniveau, verliert aber die Wirkung ebenso wieder rapide. Es ist sozusagen ein ziemlich starker Bumerangeffekt und merkbar auch für die Katze belastend, die mehr oder weniger zwischen zwei Zuständen der Ruhe und Rastlosigkeit hin und her katapultiert wird.

Nach einiger Zeit und mehr war dann klar, dass das zu keinem Ziel führen wird, er zudem auch kurzweilig eine Resistenz aufbaute und die Dosierung teilweise wirklich eine Herausforderung war, die durchaus Frustmomente verursachte - auf seiner und meiner Seite. Es war auch die Zeit, wo alles Fressbare in der Wohnung weggesperrt werden musste. Alles - denn einmal kurz die Wohnung verlassen, konnte schon auch mal bedeuten, dass bei der Rückkehr nicht nur Brot und andere Dinge angefressen waren, sondern sogar auch Dosen geknackt beziehungsweise aufgebissen oder ganze Küchenladen ausgehoben wurde. Er fand immer einen Weg und als er sich sogar beibrachte Türen zu öffnen, musste ich sie sogar komplett versperren. Immer und ausnahmslos. Der Rucksack wurde durchgebissen, Müllsäcke aufgerissen, das Geschirr durchwühlt. Eine Zeit des unkontrollierten Leidens, dass ich nicht immer beherrschte und ausreichend regeln konnte.

Diese Erfahrungen und Erlebnisse führten dann zweiter zu Lantos, dem zweiten Produkt am heimischen Markt. Aus heutiger Sicht auf jeden Fall das deutlich bessere Produkt, da es sich viel langsamer entfaltete und vor allem nicht so aggressiv in Erscheinung tritt. Lucy war ab der Umstellung nach einigen Tagen viel entspannter, viel ruhiger und kontrollierter... aber er war schon eindeutig gezeichnet und zudem hatte er zuletzt einiges an Gewicht verloren, weil die Regulierung kaum mehr Wirkung zeigte.

Einige Wochen später offenbarte sich dann aber ein ganz neues Bild. Eine ruhige, freundliche Katze, entspannt, nähebedürftig und ein Zuckerspiegel, der fast im Normalbereich war... der Wasserbedarf normalisierte sich, das Füttern war entspannter und es war sogar möglich, dass die beiden Geschwister sogar beinahe nebeneinander wieder fressen konnte (davor hatte Emily, die zweite Katze, keine Chance und musste fast immer ihr Fressen zwangsläufig hergeben, bis ich sie dann notgedrungen räumlich beim Füttern trennte) und es begann eine Zeit der gemeinsamen Entspannung.

Ich war erleichtert und ein unglaublicher Stressfaktor ging verloren, der Alltag wurde wieder ein einfacher, normaler Alltag - und auch die Dosis reduzierte sich weiter, bis wir schlussendlich schon fast bei der Minimalmenge waren. Das Fell wurde wieder kräftiger und etwas glänzender, das Gewicht blieb etwas zu niedrig, stabilisierte sich aber immerhin und es gab immer wieder kleine Zeichen der Hoffnung, dass doch alles gut ausgeht oder zumindest beim Status quo bleibt.

Der Umbruch

Vor wenigen Wochen kippte jedoch die Situation ohne augenscheinlichen Grund mehr oder weniger von einem Tag auf den anderen wieder - Verdauungsschwierigkeiten, die er immer schon sein Leben generell hatte, wurden häufiger und stärker, er zeigte immer wieder Schmerzerscheinungen (ohne dass man einen sichtbaren Grund fand) und die Flüssigkeitsaufnahme steigerte sich erneut wieder deutlich, obwohl die Blut- und Zucker- und so weiter Werte im Großen und Ganzen durchaus gut war. Ein Verdacht blieb jedoch... geschädigte Nieren. Oder doch noch mehr. Katzen haben leider eine unangenehme Eigenschaft... sie zeigen Schmerzen oder Symptome erst dann, wenn der Schaden schon passiert ist und man reagiert damit auch zu spät. Die Diabetes-Erkrankung dürfte schon viel länger still und leise vor sich hingedämmert haben, die Nieren dadurch wohl auch schon länger belastet gewesen sein und die Anfangszeit mit dem ersten Regulator sicherlich auch nicht fördernd - ganz im Gegenteil. Eine Nahrungsumstellung brachte da ebenso kaum Wirkung bei den Werten und führte vor allem zur Gewichtsabname, die dem Körper sicher ebenfalls auch nicht zuträglich war.

Der Abschied

Innerlich hatte ich schon etwas länger ein dunkles Gefühl - und an einem Wochenende in der Früh schlug dann die dumpfe Vorahnung plötzlich zu. Schreie, Schmerzen und es begann der nervöse, stressige Ablauf mit Transport, Klinik und so weiter. Lange Rede, kurzer Sinn... es dürfte im Hintergrund noch viel mehr mitgespielt haben und die Diabetes nur eine zusätzliche Erscheinung gewesen sein - und auch wenn ich gehofft hatte, nie damit auf diese Art und Weise, die man bei Menschen nie durchsetzen würde, konfrontiert zu werden, endete am Abend Lucys Leben mit vielen Komplikationen.

Ich muss zugeben, dass diese Tage aufgrund beruflicher Herausforderungen mit viel Stress und einem dichten Programm durchsetzt waren und mein Kopf somit generell überfordert und müde war... ich das Ganze irgendwie nicht so sehr realisierte, sondern zur Kenntnis nahm und dann mehr oder weniger wieder heim ging. Leer, frustriert, stumm und still. Aber es fehlte die Trauer, stattdessen war da viel mehr eher eine Ernüchterung. Oder eine Mischung zwischen Wut, Frust, Fragen, aber auch zugleich eine seltsame Erleichterung, die mir im ersten Moment auch ein wenig Angst machte.

Mittlerweile ist mir natürlich die Situation bewusster geworden, man benötigt einige Tage, denn viele gemeinsame Jahre tagtäglich mit all seinen Dramen und Freuden und gemeinsamen Erlebnissen steckt man nicht mal eben weg - sofern man zu Tieren eine (gesunde) Beziehung aufbauen kann. Die Trauer hat zugeschlagen - natürlich kommt die immer erst danach - und zugleich aber merke ich auch, dass viel Stress abgefallen ist und ich wieder klar und nüchtern sehen kann. Aus heutiger Sicht würde ich das Ganze völlig anders angehen, ich hätte gleich andere Alternativen ausprobieren müssen und bei den Kontrollen viel mehr auf "ein Mehr" bestehen müssen. Aber man ist leider immer erst hinterher schlauer als zuvor, ein Schuldgefühl bleibt.

Immerhin hat er dann doch noch seinen Weg zurück in die echte Natur gefunden - wenn auch erst nach seinem Tod, aber das war ein langjähriges Versprechen an ihn, dass ich wenigstens noch erfüllen wollte. Das Ganze in einem sehr spektakulären und passenden Sonnenuntergang, der nochmals an die Schönheiten der wahren Natur erinnerte.

Herausforderung II

Während Lucy nun in den hoffentlich besseren "ewigen Jagdgründen" weilt und die Wohnung leer, leblos und still scheint, stapft seine Schwester Emily leise durch die Räume, sucht die Nähe und ist verwirrt. Die ersten Tage waren fast beängstigend, denn die Kleine suchte natürlich jeden Winkel ab, horchte ständig und wartete tagelang, dass das Brüderchen aus seinem Versteck endlich rauskommt... aber da war eben nichts. Man merkte ihr die Anspannung und die Unruhe an, sie hatte natürlich auch das Wochenende hautnah miterlebt und die Schreie, hatte sich hinter der Waschmaschine versteckt und es benötigte fast eine halben Stunde, um sie da wieder hervorzulocken (und zu ziehen).

Die letzten Tage nun gewinnt sie wieder ein wenig an Form, klebt zwar förmlich an mir und "singt" und jault oft bei der Türe, ich vermute sogar oftmals eine recht lange Zeit, wenn ich die Wohnung zwangsläufig aus beruflichen Gründen verlassen, aber das Fressen hat sich normalisiert, sie spielt wieder ein wenig und die Anspannung sinkt langsam wieder. Hoffe ich...

Aber eines ist klar, solche Tiere und speziell mit Zucht und Co... es ist einfach nicht ok. Ganz unabhängig von der Krankheit und dem ganzen Drama. Katzen, Hunde und so weiter sind einfach nur menschliche Sklaven der eigenen Bedürfnisse. Und diese Schuld werde ich zukünftig nicht mehr weitertragen. Emily wird hoffentlich noch eine gute und lange Zeit hier haben, aber danach werde ich kein Tier mehr mit meiner Welt "beglücken", das größer ist als eine Stubenfliege. Das habe ich mir geschworen. \o/


Emanuel Sprosec. Erstellt am 2018-08-13 · # · Wien, Österreich · emanuel//at//mulischaf.com · Datenschutz