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Lernfaktor null.

2015-06-07

Wenn man etwas lernen sollte, dann irgendwann, dass es sich nicht lohnt, im Netz über Politik zu sprechen. Mag am Stammtisch mancher Dorfschenken der Alkohol die Zunge lösen, dann ist es scheinbar in der digital verbundenen Welt das Gefühl, dass man ja als User diese unbestimmte Freiheit, das Recht und die unbegrenzte Möglichkeit hat, fokussiert und vollumfänglich alle Standpunkte radikal zu vertreten.

Und die Betonung liegt bei „radikal“. Mittlerweile erkennt man die gemäßigte und vernünftige Mitte eigentlich nur mehr daran, dass man sie weder liest, hört noch sieht. Taucht in den Newskanälen irgendwo eine rote, schwarze oder blaue Flagge der Politik auf, dann sind die rechten und die linken selbsternannten Volksvertreter sofort da und surren wie Bienen emsig um den kleinen Tropfen der verschwindenen Vernunft und wundern sich dann, wenn er plötzlich aufgezehrt ist.

Gut, also haben da im Süden des Landes die blauen Spielfiguren der Wirtschaft, Vetternclans und Symptom anderer Ursachen ein paar Sessel eingeheimst und werden jetzt am Spielbrett mitlaufen, würfeln und ihre Karten auflegen.

Unabhängig davon, dass das noch lange keinen Sieg oder Gewinn verschafft, denn Würfeln ist auch mit Übung ein Glücksspiel, ist es nun mal so geschehen und das hat man auch irgendwann zu akzeptieren. Gefallen tut es den Wenigsten und mir auch nicht, auf der anderen Seite fragt man sich schon, wo die große Überraschung ist? Es war ja klar, dass nach dieser jahrelangen Dornröschen-Mentalität der anderen Farben es irgendwann zu einer Kehrtwende kommt und das niedrige Zuschauerpublikum etwas Neues sehen will. Nicht umsonst haben Gesellschaften prunkvolle Arenen aus Stein errichtet, die später blutgetränkt in der Sonne glänzten. Menschen.

Das kann gefährlich sein, denn viele Völker, Stämme und Gesellschaften sind bereits in ihren eigenen Untergang gelaufen, meistens überemotionalisiert und radikalisiert ohne dem Hinterfragen der eigenen Ansichten – also ja. Nur die gefährlichste Form des aktiven und zugleich passiven Widerstands der sogenannten Opposition – auch so absurd dieses Wort, weil es automatisch mit „gut“ gleichgesetzt wird, im Gegensatz zur Rebellion – ist das Ausgrenzen der „Idioten“.

Und das liest man zur Zeit ständig. Idioten, Weichbirnen, Dorftrotteln, Arschlöcher und so weiter – so der Tenor in den Diskussionen um die lächerliche Lokalpolitik in einem Land, dass sich weder gegen das Nachbarland Deutschland behaupten kann noch in einer europäischen Union eine ernsthafte Rolle spielt. Und spielt damit die Blau-Wähler, wankende User oder Verständnisvolle an die Wand und verliert sie dadurch.

Man stelle sich das vor… das Kredo der freiheitsliebenden, offenen und zusammenarbeitenden Bürger lautet Toleranz, Nächstenliebe und ein gemeinsames Miteinander aller Kulturen, offene Grenzen und freie Sichtweisen, Gedanken und Äußerungen – egal ob jung, alt, Frau, Mann, Inländer oder Ausländer. Eigentlich also wohlwollende Dinge, die sich wohl jede Gesellschaft erhoffen und wünschen darf.

Aber auch nur, wenn es der eigenen Meinung zuträglich ist. Ansonsten: man verbiete den Mund, der Koffer da drüben ist ein Ziegelstein, den hier soll man bitte entfolgen, auf der Kundgebung stört man im Idealfall lauthals und bei einer Ansprache läuft man demonstrativ auf die Bühne und verklebt mit einem Klebeband den Mund des Redners. Ich finde das verrückt. Arrogant und selbstgefällig. Nicht tolerant und vor allem schadet es mehr als es nützt. Die wahre Tragik bei dem Ganzen.

Auch wenn es weiterhin Ewiggestrige der alten Generationen geben wird, auch wenn da darunter ungebildete Halbglatzen aus dem Dorf um die Bühne wie das goldene Kalb schwirren und auch wenn einer der Meinung ist, dass Österreich nur Österreichern gehört (schon alleine die Aussage disqualifiziert sich ja durch die Geschichte radikalst, aber bitte), ist es dennoch kein Grund, einfach mal eben hier die Türe zuzumachen.

Bloß nicht. Alle Konflikte, die später auf anderer Ebene, also außerhalb der geistigen Sphären, gelöst wurden, begannen damit, dass man wo Gruppen ausgrenzte und als unnötiger Anhang der Gesellschaft vor die Mauern der Festung setzte. Was da dann passiert, gehört zum kleinen 1×1 der humanoiden Zellhaufen und ihrer Mentalität.. sie radikalisieren sich erst recht. Gruppen, die sich nur an sich selbst klammern können, verstärken sich wie Resonanzschwingungen. Und solche zerbrechenden Ströme der Menschheit können nur dadurch aufgelöst werden, in dem man den Schwingungen ein anderes Intervall entgegensetzt.

Sprich: Miteinander. Zuhören. Reden. Andere Meinungen und Ansichten tolerieren und auch mal schlucken und akzeptieren können. Mag weh tun, aber die Akzeptanz ist der erste Schritt zur Gemeinsamkeit und für neue Wege. Sonst bleiben tatsächlich nur mehr die Fäuste und Waffen als Lösung.

Ich habe ja auch zunehmend ein verstärktes Problem mit diversen Gruppierungen rund um das gelebte Miteinander. Es reicht einfach nicht, mal eben in die Bioladen zu gehen und Fairtrade-Dinge aus Bolivien zu kaufen, lachend einen Döner zu essen oder im türkischen Restaurant ein neophytisches Gericht, das aus Europa exportiert und wiederum importiert wurde, zu essen oder Schokolade aus Uganda zu futtern und zeitgleich zu Trommelrythmen am Afrikafestival zu tanzen, an einem anderen Tag im Weltcafé über das große Ganze zu reden und sich rühmen, dass man schon mal Kleidung nach Rumänien geschickt hat und auf Twitter ganz groß die 214. Petition gegen Ausgrenzung vervielfältig hat und in der Hauptstand Kerzen anzündet und am Boden mit verklebten Mund zur Demonstration vor dem Parlament liegt.

Das ist alles nett und fein – auch ein Teil des Ganzen – aber die wirkliche Tätigkeit beginnt eher im Gemeindebau, im Nachbarhaus, beim Supermarkt oder beim slowakischen Gärtner, der draußen den Hundebeserl-Park mit der Motorsense trimmt. Beim polnischen Maler und beim tschechischen Dachdecker. Beim Afghanen, der sich im Lager zu Tode schleppt oder beim Inder, der das multikulturelle, vegane Abendgericht zur Haustüre bringt. Und beim Glatzkopf, dessen Rechtschreibung nicht vorhanden ist.

Aber im Netz, da posaunen alle ganz groß und beziehen eifrig ihre Stellungen beiderseits und richten ihre Finger auf die Dummköpfe, die zu blöd sind, das Gute und Böse zu erkennen. Und stempelt sie als verblendete Gruppe mit nicht vorhandenem Intelligenzquotienten ab.

Nur weil mein Nachbar die blaue Farbe einer Partei auf dem Papier wählt, ist er nicht automatisch ein Trottel, ebenso nicht der Andere, der von freien Gras träumt und die Stadt Autolos und alle Grenzen weltweit öffnen möchte oder der Neos-Hipster-Fan vom Geschäft, weil die so „cool, neu und anders“ sind und man sich damit naturgemäß leicht mit ihnen identifiziert.

Vielleicht sind alles Schwachköpfe, aber politisch gesehen nicht von Grund auf – schließlich ist Politik, Gesellschaftphilosophie und kulturelle Mentalität sowie rechts oder links, grün, gelb, blau,… nichts, das genetisch in unseren Körpern verankert wird bei der Geburt und davor, sondern ja erst dann durch das Umfeld, die Erziehung, durch die Eltern, Medien und eben die Politik entsteht.

So bin ich mir sicher, dass die Meisten, die heute gegen Blau oder rechts (oder auch umgekehrt) sind, sicherlich auch eine tendenzielle Erziehung in diese Richtung hatten oder das passende Umfeld an Freunde, Schule oder Arbeitswelt, die diese Ansichten stützen, lebten und ermöglichten. Nur trifft das aber nicht auf Jeden zu… und genau das muss man immer bedenken. Und genau deswegen ist es einfach falsch zu sagen: Vollidiot und mit „denen kannst nicht reden“.

Ob eine rot-blaue Kasperl-Politik-Vetternwirtschaft mehr oder weniger reißt, sich radikalisiert oder nicht, Gewinne bringt oder sich selbst abschießt, wird man erst sehen. Nach Jahren des politischen Stillstandes war und ist das nun eine nicht ganz unerwartete Überraschung, dass es zu Verschiebungen kommt.

Zugleich darf man nicht vergessen… die Pappfiguren, die jetzt auf den Zetteln „mehr“ haben, gehen noch immer in das selbe Wirtshaus, gehen noch immer in das selbe Rathaus auf eine „Sitzung“, betreiben weiterhin ihre kleinen Geschäfte da und dort wie schon seit Jahren zuvor. Den Rest… den machen die geschriebenen Medien mit ihren dramatischen Artikeln und die überbordenden Emotionen in der Gesellschaft. Hasspostings mit Hasspostings begegnen ist einfach falsch. Wer anderen den Mund verbieten will, muss damit rechnen, dass ihm selber der Mund verklebt wird.

Und ja, warum soll ich still halten, während mir der Andere ein Auge ausschießt? Ja, scheiße… nicht? Aber jetzt? Die eigene Steinschleuder holen? Ist das die Lösung? Aja, gut. Interessanterweise ist diese Aug-um-Aug-Mentalität genau die, die heute Millionen Menschen auf dieser Welt in eine unvorhersehbare Zukunft flüchten lässt.

Aber ja… meine ganz persönliche Weltanschauung ist eh genauso radikal, keine Angst. Ich bin nicht nur Moralapostel, sondern genauso radikal Pseudo-marxistisch-human eingestellt. Ich würde nämlich alle rechten und linken, blauen, roten, grünen,… und sonstige Fanatiker in einen großen Mixer schmeißen und dann einfach in der Abwasch runterspülen und irgendwann in einen gemeinsamen Topf sieben. Ganz einfach.

Und zudem muss man auch sagen, je älter ich werde, umso mehr ist mir klar, dass es echte Demokratie nicht geben kann (und auch sollte), denn dann hat man statt einem Diktator gleich 40.000 davon – so zum Beispiel im digitalen Netz zur Zeit, die alle für sich glauben, den ultimativen, richtigen und einzigen Weg zu kennen. Und das auf der rechten und linken Seite.

Und jetzt ist mir schlecht, weil ich was über Politik hier geschrieben habe. Und in einer Diskussion im Netz wurde ich aufgrund der obrigen, bereits dort geäußerten Meinung, vorhin prompt als Mitläufer und Blauwähler abgestempelt. Köstlich. Dabei geht mein Blick eigentlich in eine solidarische, gemeinschaftliche Form, die man wohl aus dem Osten kennt, aber bei uns eher verpönt ist und mit anderen, negativen Themen untrennbar vermischt wurde.

Aber ja, soll man glauben was man will… so wie es zur Zeit läuft, funktioniert mal gar nichts und wir werden alle daraus noch lernen (müssen). Kann man nur hoffen, dass es ohne den roten Lebenssaft klappt, aber ich bin da skeptisch. Wir sind halt Menschen, da geht es nicht ohne Gegenmeinung und Antisympathien. Auch das muss man irgendwann akzeptieren und tolerieren. Als Selbstschutz, sonst platzt der Kopf.

Und ja, egal in welcher Form… man steht sich selbst immer und prinzipiell am Nächsten. Das größte Hindernis in der friedlichen, zusammenlebenden Gesellschaft prinzipiell.

Hach, lassen wir das… dieses Thema lohnt nicht. Der Beitrag hilft mir immerhin, sich wieder erneut daran zu erinnern.