Startseite
Updates · Suchen

Im Angesicht der Rollen

2014-11-03

Jetzt ist es also passiert… ich habe mein Rad mehr oder weniger schon abgestellt. Eigentlich wollte ich ja unverändert durch den Alltag strampeln, aber irgendwie bin ich nach den letzten Schweißausbrüchen mit Winterjacke, Fleece-Pulli und der Grün-Phase der Ampeln ein wenig an das körperliche Limit gekommen. Als Zwischendurch-Weg im Alltag findet sich da weiterhin kein Problem, aber beim Arbeitsweg, wo man nach der Ankunft wiederum körperlich tätig ist, stellt ein durchnässtes Hemd dann doch eine kleine Hürde in der Bequemlichkeit dar.

Ich bin wohl doch nicht ganz so zäh, wie ich es eigentlich gerne hätte und mir vorstelle – denn die Temperaturregelung meines Körpers ist leider sehr sprunghaft (immer schon gewesen) und entweder ist mir eben kalt oder heiß und ich schwitze. Andere Aggregatzustände oder gar ein goldener Mittelweg scheint meiner biologischen, hauseigenen Technik völlig fremd und so kennt man mich entweder mit erfrorenem Gesicht oder Schweißperlen auf der Stirn. Müde wirken ich dabei unabhängig davon sowieso immer.

Beim Radfahren um die Minusgrade zeitig in der Früh entsteht noch dazu um diese Jahreszeit diese nette Mischung einer heißen Stirn, kalter Finger und einem kehligem Schnaufen, das sich dann jedes Mal für einen halben Tag in etwa in eine kurzfristige Erkältung verwandelt und bis zum Abend wieder verloren geht. Auf Dauer kann das nichts.

Nun ja, dann fährt man einfach langsamer durch das Leben!?

Jaja, das ist die richtige und nette Philosophie, allerdings schaut der harte Realitätsalltag dann doch anders aus… es macht einen Unterschied, ob man schon um vier in der Früh in die Pedale tritt, um entspannt das Ziel zu erreichen… oder doch erst um fünf Uhr. Eine Stunde länger Schlaf und eine Stunde länger an sozialer Interaktion am Abend zuvor ist dann doch wertvoller und nicht zu verachten auf Dauer. Man ist (besser ich bin) irgendwie – auch wenn man es nicht ganz wahrhaben möchte – nur ein schwacher Mensch… und kein kampfbereiter Tiger der Vernunft und des eisernen Willen eines Hochleistungssportlers.

Letztens ist allerdings ein Inline-Skater an mir vorbeigerattert. Uff. Vollkommener Wahnwitz in der Stadt. Bei jedem Gleisstück, jedem Randstein, jeder Bodenmarkierung, Unebenheit oder Schnüren, Sackerl und sonstigem Mist, glich sein Auftreten einer Figur des Cirque du Soleil, nur wurden dessen anmutigen, langsamen und fließenden Bewegungen in Zeitraffer abgespielt.

Ein Herumfuchteln, Springen, Stolpern, Bremsen und das Ganze aber in einer Geschwindigkeit, die sogar für mich als Radfahrer in diesen Bereichen grenzwertig erscheint. Dazu der Rucksack und das Sakko. Der klassische Begriff Organspender drängte sich da schlagartig in das Bewusstsein – und das in der kleinen Innenstadt. Auf jeden Fall ein Fortbewegungsmittel, dem ich selber keine Lebenszeit je opfern möchte. Da wäre mir großer Hamsterball zum Durchrollen oder dergleichen fast lieber – und es wäre vermutlich dezenter, unauffälliger und sicherer für alle Beteiligten.

Momentan bin ich also ein klassischer Zugfahrer geworden, stehe mit anderen müden Gesichtern an einer Schlaufe industrialisiert aufgefädelt und fühle mich dabei irgendwie als Loser, während draußen ein alter Senatsrat mit Krawatte, langem Mantel und dem Hut auf seinem Klassiker-Rennrad im Tiefflug vorbeiradelt.

Staubtrocken natürlich.