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Grenzenlos

2014-11-15

Müde. Das muss ich schon mal wieder zur Abwechslung in den Raum werfen, dass so eine Radtour am Morgen doch ziemlich schlaucht und einem ganz schön aussaugt. Speziell bei der Menge an Gegenwind, die nur erträglich ist, wenn man sich heimlich hinter einem Anderen festkrallt und in zwei Zentimeter Abstand an seinem Reifenprofil klebt, um wirklich jeden Widerstand in jeglicher Form zu minimieren. Jede Kurbeldrehung ist da ein Kampf. Geduckt, lauernd und schweißgebadet – so also das Bild in der morgendlichen Dämmerung meinerseits und die Augenringe werden dadurch auch nicht gerade kleiner.

Auch sonst ist es nicht so leicht, sich den klassischen Alltagshürden zu stellen, speziell wenn man nur mehr mit der halben Geschwindigkeit mobil surfen kann, weil das dumme Smartphone plötzlich keine Ahnung mehr hat, wie man mit 3G und dergleichen umgeht. Auch gut – ist wenigstens jetzt ein wenig Retro-Feeling und man minimiert seinen Surfkonsum immer weiter. Luxusprobleme der verwöhnten Generation. Stört also nicht wirklich… gibt ja auch sonst viel zu entdecken da draußen in der weiten Welt – angeblich.

So zum Beispiel Texte über das böse „Internet“, falsche, verschworene und formende Medien und das alt-neue Netzthema Feminismus, das sich auch offline momentan überall verteilt, dabei recht bunt und schön kontrovers diskutiert wird. Nett zu lesen und immer wieder spannend, welche einfachen Sätze mal eben ganze Sozialstrukturen aufbrechen können – und anschließend zu gegenseitigem Hass und Ablehnung führen, dabei sich aber wiederum selber in ihren eigenen Vorwürfen bestätigen.

Ausklinken emotional tut da gut und dadurch werden solche Gepflogenheiten der menschlichen Kommunikation sogar erträglich und amüsierend. Aber unabhängig davon wirken viele Themen aus dieser Ära der neuen Zeit irgendwie festgefahren, also es fehlt mir die Entwicklung sozusagen. Beide Seiten haben sich positioniert, ihre schlagkräftigen Meinungen ausgesprochen und im Archiv der Meinungsfreiheit griffbereit liegen – aber das war es irgendwie auch schon wieder.

Dass das weltweite, digitale Netz viel Hass in sich trägt, ist nichts Neues. Dass es Frauen in der technologischen Branche der digitalen Macho-Helden nicht leicht haben und hier sicherlich noch Bastionen mitsamt ihren alten Mauern fallen werden, ist wohl keine Überraschung – die Musik-, Film-, Radio- und andere Branchen haben das bereits gezeigt. Aber das ist damit auch keine Diskussion mehr wert, denn der nächste Schritt wäre interessanter – das Aufeinanderprallen der digitalen Neulinge der Sprungländer – ehemals dritte Welt-Länder – die vermehrt Zugang zu der elektronischen Welt erhalten und dabei ihre eigene Sicht von Gesellschaft, Sitten und Rollenteilungen einfließen lassen und damit neuen Zündstoff bergen, wenn sie denn je eines Tages mit der europäisch-amerikanischen Schicht der gehobenen, etablierten und erkämpften Elite der Meinungsfreiheit kollidiert.

Egal ob Feminismus als Kampfwort oder als pädagogische Grundlage, ob Homosexualität oder Gleichberechtigung und demokratische Meinungsfreiheit in der Politik und Religion… alles Dinge, denen viele neue Millionen an digitalen Zuwanderern – mit neuen, billigeren Technologien der nächsten Jahre und damit einfacheren Zugang zu der noch exlusiven Welt – ihre Stirn bieten werden. Europa und sein selbst gegründeter Gegenspieler über dem großen Teich hatten viel Zeit dazu, die Etablierung fand noch vor Smartphones, Facebook und Twitter statt, ebenso vor Datingapps und BarCamps an realen Orten zu diesen Themen… man konnte bei uns sozusagen in diese neue Schicht des Selbstausdruckes und der Verwirklichung von Bündnissen und Communities hineinwachsen, sie langsam formen, die Geisteshaltung mit Literatur, Filmen und Vorträgen mitlockern und neu definieren.

In anderen Ländern, die nun zu den neuen Nachbarn in der Welt aus Bits und Bytes gehören, fehlte dieser Zusatz bis jetzt, dort sprang man direkt in den kalten Datenstrom mehr oder weniger von heute auf morgen. Das sind dann die klassischen Änderungen in der Gesellschaft, die anfänglich nur schwer zu verdauen sind, Generationsbrüche ausformen und zu einer gewissen fehlenden Selbstdefinition führen, wenn plötzlich traditionelle Bilder im Kopf und in der Familie eine neue Gewichtung erhalten. Wie mag die Welt wirken auf jemanden, der seine Freundin oder Freund nur über die Familie kennen lernen durfte, der kaum Lesestoff unter seinem Bett liegen hat und keine Ahnung von BarCamps und Netzpolitik hat… zeitgleich aber beim Surfen über Mann-Frau-Portale, Sex-Werbung, Umfragetools zur Politik und Mitgestaltung des eigenen Bezirkes vorfindet, freie Diskussionen über das Rauchen, Kiffen, Trinken oder auch Wanderausflüge in der Thermenregion mit Schlammpackung, Pony reiten und Bachblütenmassage am Kaminfeuer.

Dieser Prozess ist natürlich auch nicht neu, aber momentan wieder ein aktueller – was zudem im Süd-Osten noch alles passiert, wo momentan Menschen wiedermal wegen eines anderen Glaubens, Sprache oder Herkunft den Kopf verlieren und wie diese neue Gesellschaft mit der digitalen Vernetzung noch umgehen wird, finde ich persönlich – trotz der naturgemäß tragischen Umstände – spannend und herausfordernd.

Denn eines hat das Netz bis heute nicht ausgeformt – digitale Grenzen zwischen Ländern, auch wenn daran gearbeitet wird. Und dieses Nichtvorhandensein dieser Sollbruchstellen unterschiedlicher Lebensformen und Kulturen an Mensch, verändert natürlich sehr viel. In meiner Kindheit war es für mich nur mittels teurem Atlas in der Schule und ein paar Dokus im TV möglich, eine Vorstellung von anderen Ländern, Städten und Gesellschaften zu entwickeln. Heute reichen drei Klicks und ich sehe in einer isometrischen 3D-Sicht Satelliten-Bilder ganzer Städte, Dörfer und Gebiete. Hochaufgelöst, in allen Details und in vielen Ländern kann ich sogar virtuell durchfahren.

Für mich ist es faszinierend, jemanden dabei zuzuschauen, der diese Dinge noch nie gesehen oder erlebt und kaum Ahnung von da draußen hat – und dann plötzlich einen greifbaren Einblick in andere Lebensweisen erhält, die man früher nur nach Monaten an Reise und Beschwerlichkeiten jemals erleben durfte – und auch nur mit Priviliegien. Ebenso das Entdecken von anderen Meinungen, Ansichten und Gruppierungen, die es so bisher nicht gab… und… ähm… Faden verloren.

Irgendwie bin ich auch jetzt abgeschweift und weiß gar nicht mehr, was ich eigentlich sagen wollte oder worauf ich hinaus will, aber sei’s drum… denn eigentlich wollte ich über das Radfahren schreiben, aber das hat sowieso nicht mal ansatzweise geklappt. Ich höre also einfach hier mitten im Text auf, da kann sich dann jeder einfach stattdessen seine eigenen Gedanken ausmalen und das innere Gespräch und den Text selber nach Gutdünken fortsetzen… denn noch dazu gieße ich hier alten, abgestandenen Tee in dem überflüssigen Text auf.