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Farbenblind

2014-10-04

Nachdem ich gestern mal wieder stundenlang in Summe durch die Stadt gekurbelt bin, mich auf den Radwegen an Touristen recht mühsam vorbeidrängen musste, denn denen ist dieses Konzept merkbar nicht wirklich bekannt, dachte ich dabei wieder ein wenig über die Gesellschaft nach. Belanglos und Sinnlos, ich weiß.

Aber irgendwie ist ja der Grundtenor der aktuellen Zeit nicht mehr sooo rosig ausgeformt und die gewisse Sorgenlosigkeit ist einem kollektiven „Naja“ gewichen. Auch wenn erst unlängst anhand der Geschichte der letzten Jahrhunderte der Vergleich aufgeworfen wurde, dass es trotz der aktuellen Weltlage immer weiter aufwärts geht – also alles zum Besten steht. Angeblich.

Gut, erinnert mich daran, dass ja 40% des Gesamtvermögens in der Hand von 1% der Österreicher liegt – was ich nett finde, wenn man diese dann ebenso in die Pro-Kopf-Berechnung einbezieht und daraus den durchschnittlichen Wert visualisiert, wieviel jeder von uns so in der Tasche angeblich hat. Dass sich da diverse Zahlen wunderbar verzerren lassen, liegt eigentlich auf der Hand… aber gut. Bla.

Ebenso die Meldung letztens, dass wir es geschafft haben, in den letzten Jahrzehnten die Artenvielfalt um praktisch die Hälfte zu reduzieren. Eine kleine Randmeldung, die nach ein paar Stunden naturgemäß wieder von irgendwelchen Wirtschaftdeals beiseite geschoben wurde.

Man stelle sich das vor… in den letzten zwei Generationen haben wir es geschafft, die Hälfte der anderen Spezies auszuradieren. Und dass da nicht nur mediale Panikmache dahinter steht, ist sogar für mich mit 30++ Jahren offensichtlich – denn als kleines Kind war ich oft spazieren und im Wald und auf Wiesen unterwegs.

Und ja, ich habe Ringelnattern, Tagpfauenauge, unzählige, verschiedenste Singvögel, wundervolle Insekten auf der Wiese und im Wasser und so weiter problemlos entdeckt. Ein altes Carl Zeiss Mikroskop hat mir damals zudem zusätzlich spannende Einblicke in diese Welt geboten und ja, sie war tatsächlich reichhaltig(er). Es klingt kitschig, aber der Wald trug einfach deutlich mehr an Leben in sich. Dass da wo Rehe, Wildschweine und Co. herum stapften, war nicht nur im Lainzer Tiergarten so, sondern auch im freien Wald am Stadtrand… regelmäßig. Heute ist es tatsächlich zumeist dürftiger geworden.

Ebenso dass ich anno dazumal noch unzählige Wasserkäfer und dergleichen entdecken konnte, ist ja eigentlich auch schon fast historisch, ebenso Lacken, in denen es fast überall Kaulquappen gab – und wie ein Kollege, der sehr in der Biologie verankert ist, unlängst bei einer Begutachtung eines Baches feststellte, ist auch die Zahl der unterschiedlichen Libellensorten deutlich gesunken. Konnte man früher unzählige verschiedene Varianten entdecken, sind es heute – wenn es gut geht – drei, vier verschiedene und die sind überall. Auch das ist mir bereits einige Male in den letzten Jahren aufgefallen. Und wann hat jemand von Euch das letzte Mal einen echten (grünen, europäischen) Laubfrosch gesehen? Wohl schon länger her…

Auch die Vegetation unterschiedet sich mehr und mehr von der vor 20 Jahren… der Baumbestand weicht mehr oder weniger der neuen Generation an immer gleichen Sorten aus, während die alten Sorten der Reihe nach Absterben oder nach dem Fall so nicht mehr aufgeforstet werden, Robinien und Götterbäume bevölkern jede neue Lücke auch bei uns mittlerweile binnen kürzester Zeit, ebenso in anderen Bereichen wie Böschungen und Co. wuchert zum Beispiel statt einer bunten Mischung das monotone Springkraut an allen Ecken und Enden und verdrängt die alten Sorten. Das Ganze in einer Geschwindigkeit, mit der einheimische Insekten mit ihrer Nahrungsversorgung nicht zurecht kommen und damit verschwinden sie weiter.

Als Kind konnte ich auf einer Wiese praktisch immer verschiedenste Schmetterlinge entdecken, da gab es immer wieder ein „Oh, der ist aber schön“-Ruf… sogar wenn man sich heute bemüht, beschränkt sich das Erlebnis zumeist nur mehr auf drei, vielleicht vier Arten – wenn es gut geht.

Also es steht nicht zum Besten und bei der Fahrt durch die Stadt überlegte ich nun also, ob sich das irgendwo auch definieren lassen kann… woran kann man die Stimmung messen? Färben diese eigentlich eher unmerklichen Begebenheiten im Lebensalltag und der Natur auch wo ab? Wandelt sich die Gesellschaft dadurch?

Ich hab für mich eine sehr kindlich naive und losgelöste Art und Weise gefunden, um mir einzureden, dass sich alles definieren lässt… nämlich anhand der Farbe unserer Autos. Auch wenn man dunkle und graue Töne aus funktionalen Gründen heutzutage bevorzugt (Schmutz, Staub, usw…), ist das Straßenbild – speziell gestern war es so – unglaublich trist geworden.

Schwarz, schwarz, grau, weiß, schwarz, grau, schwarz, grau, schwarz, schwarz, schwarz, grau, grau, dunkelblau, schwarz, grau, weiß, weiß, grau… und so geht es dahin.

Wenn man sich durch alte Bilder aus den 60ern, 70ern und dergleichen klickt – zur Zeit durchwühle ich aufgrund einer kleinen Aufgabe im beruflichen Alltag historische Fotos – stellt man fest, dass der frühere Lebensflow nach der Nachkriegszeit von deutlich fröhlicheren Farben bestimmt wurde. Da gab es gelbe, rote, blaue, grüne und dergleichen Autos – nicht nur natürlich, aber wesentlich häufiger. Und diese Buntheit ist heute aus dem Straßenbild recht deutlich verschwunden… ein paar Ausreißer gibt es zwar immer (rot, rot, rot, grün, rot), aber die Zahl wird ebenso wieder kleiner und wenn man an Autohändlern vorbeispaziert, wird man auch dort eine gewisse visuelle Trostlosigkeit der Zukunft entdecken.

Ja, das Ganze hat natürlich keine Aussagekraft, aber es hat sich gestern als wunderschöner Vergleich in das Gedanken-Bild zeichnen lassen und war recht passend in Anbetracht dieser farblichen Reduktion im Alltag. Und nein, ich bin nicht Farbenblind. Die Artenvielfalt und das Stimmungsbild verkleinert sich sozusagen zusehends…

Ich habe mir auch überlegt, welche Farbe man mit der EU, Europa, Wirtschaft und Bevölkerung eigentlich so assoziiert? Bei mir ist es automatisch etwas Blau (Flaggenfarbe, keine Überraschung naturgemäß)… und dann aber deutlich mehr an Grau. Silbergrau vielleicht. Zu Europa passt irgendwie kein Knallgelb, helles Grün oder gar ein leuchtendes Violett, oder? Euer erster Farbengedanke?