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Emotions-Karriere

2015-06-16

Und da stehe ich so, schaue sinnierend auf das große Schiff am Steg und überlege bereits, wo und wie ich mich da einrichten könnte, wenn es denn nur mir gehören würde und dass da an der Stelle ein Liegesofa eine feine Sache wäre, aber auch eine Mini-Küche gleich beim Abgang eine gewisse Krönung der Eleganz verkörpern könnte…

Ausflug mit dem Schiff am Neusiedlersee

Am Aussichtsdeck sowieso Sitzmöglichkeiten mit dem Kuschelfaktor im Strandkorbstyle und zudem würde ich da und dort viele, viele Pflanzen drapieren und sonnengebräunt auf den Planken stehen und mir denken: Jetzt hast Du es geschafft.

PLOP! Der Moment der Träumerei hielt aber nicht lange an, denn diverse Klein- und Großfamilien schoben sich plötzlich an mir lauthals lärmend vorbei und deswegen platze diese Wolke der Süße unerwartet flott mit einem kräftig-bitteren Nachgeschmack. Seufzend setzte ich also die Füße nacheinander in Bewegung, um mich ebenso dem Tross der familiären Masse der resignierten Schicksalsschläge anzuschließen.

Ich muss ja auch sagen, dass ich eigentlich ja kein Familienmensch bin, speziell wo gedrückt und geherzt wird. Keine Ahnung, in dieser radikalen Form war das in meiner Welt irgendwie nicht so präsent anno dazumal und man muss ja auch sagen: Gott sei Dank, denn ein Blick auf diese aufeinander klebende Humanoiden mit dem identen Genpool, der sich gegenseitig kaum Luft zum Atmen lässt, nun ja… das kann auch ganz schön verschrecken.

Schifffahrt

Ein Ausflugsschiff, eine Lesung und viele Kinder mit ihrem Anhang sind also da, warten auf das Ablegen und ich mitten drinnen. Ja, irgendwas stimmt da nicht, wird sich der erlesene Leser denken, denn dieses Bild kennt man so gut wie gar nicht von mir. Gewissermaßen ein textlastiges Fehlersuchbild, aber halt!

Man tut es sich in dieser Ausnahmesituation dann an diesem Tag doch an, denn eines der kleinen Mädchen mit Blondschopf und kecken Zöpfchen läuft zielstrebig aus dem Nichts auf mich zu, drückt und umarmt mich und ist… glücklich. Oha! Das kleine Ding reicht zwar nur bis zum Bauchnabel, aber der soziologische Effekt ist erstaunlich, denn er funktioniert einfach – es fühlt sich gut an. Interessant.

Dann ein Blick aus den kleinen und zugleich im Maßstab wiederum relativierten Tellergroßen Augen, die jedem Anime-Charakter alle Ehren machen würde, hinauf zu mir, ein kleines Lächeln und dann der stolze Satz, mit einem erneuten, festen Drücken begleitet: „Das ist mein großer Bruder!“

Und rundherum freuen sich alle – warum auch immer, denn eigentlich kann ihnen das egal sein und entspricht in der Relevanz in ihrem Leben ungefähr dem Käseblatt einer Großpackung aus dem Billig-Supermarkt, aber ja… verzückte Gesichter und unmerklich ziehe ich damit den Bauch ein, straffe die dünnen Schultern, stehe erhobenes Hauptes also und mit kräftiger Stimme sage ich „Uuuund das ist meine kleine Schwester“…

Ein bestimmtes und leicht hervorgepresstes, hohes „Mmmmhhhhhmmmm“ aus der eingedrückten Bauchregion dringt von unten nach oben zu mir und ich merke plötzlich, dass aus unerfindlichen und nicht vorhandenen Gründen etwas Stolz in mir hochsteigt.

Klar, ich habe diesen biologischen Zellhaufen weder technisch erzeugt noch zur Welt gebracht oder sonst irgendeinen Impact in diesem Bezug – geleistet habe ich also nichts für diese Lebensform – aber dieses philosophische Manko relativiert sich einfach von selbst und kümmert mich nicht weiter.

Irgendwer

Wenn man plötzlich als Einzelkind dann doch ein kleines Schwesterchen nach gefühlten Jahrzehnten hat und die stolz ihren großen Bruder vorführt, dann stehe ich gekonnt im Wind an der Reeling auf dem Schiff, die Sonne scheint herunter, meine Hand liegt auf ihrer Schulter und man hat das unerwartete und verstörende Gefühl, dass man doch plötzlich eine sinnvolle Funktion auf dem Erdknödl in der unendlichen Scheibe des Universums inne hat.

Psychologisch natürlich primitivst aufzulösen – im Sinne von Zuneigung, für die man praktisch nichts tun muss, außer schlicht und ergreifend da zu sein, aber ja… schon ok so, denn mein Ziel in diesem Leben ist ja eigentlich, der Banalität verstärkt zu frönen. Schließlich liegt darin der Schlüssel zum Glück und in dieser Form ist es endlich mal ein, humantechnisch gesehener, völlig unkomplizierter und zugleich schöner Vorgang.

Ich bin nun übrigens wer.

Und umgekehrt, im anderen Maßstab und in ihrer Welt gewissermaßen, verhält es sich ebenso. Ich nenne das einfach mal beidseitige Emotionskarriere.

Schade, dass das im restlichen Leben nicht so einfach ist.