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Digitaler Zettelkasten

2014-11-04

Es gibt Momente, wo ich wirklich gerne so richtig programmieren wollen würde, aber dabei mal wieder an meinen nicht vorhandenen Fähigkeiten scheitere. Denn nach einer etwas längeren Abstinenz, stehe ich nämlich abermals vor dem alten Problem, dass ich gerne all meine Gedanken, Ideen, Texte, aber ebenso kleine Notizen, diverse Zugangsdaten, Kontakte und so weiter an einem kollektiven, unikaten Ort sammeln und organisieren möchte.

Und ob man es glaubt oder nicht – das ist eine nicht ganz so leichte Herausforderung, wie man vielleicht im ersten Moment glauben möchte, speziell wenn es nach meinem Kopf geht, der da natürlich seinem ganz eigenen Konzept Raum geben würde… Klar, jede einfach Notiz-Anwendung vollbringt dieses Wunder heutzutage auf jedem Laptop, Tablet und Handy. Egal ob Evernote, Remember the Milk oder OneNote, aber ebenso auch jedes persönliche Offline-Wiki am PC zuhause, das man sich mal eben in wenigen Minuten überall einrichten kann.

Diese Dinge sind mir mehr als wohlbekannt. Nur – der digitalen Cloud, also das Speichern meiner persönlichen Daten auf den angeblich sicheren Servern bei diversen Anbietern irgendwo weltweit, will ich jedoch ganz sicher nicht mein komplettes Leben anvertrauen, ebenso wenig meine ganzen Kontakte und damit ihre vollständigen Namen, Adressen und Telefonnummern.

Bleibt also nur ganz klassisch das persönliche Offline-Wiki nach dem Vorbild von Wikipedia. Aber ja, nichts Neues, ich habe es im Laufe der Zeit leicht auf fünf bis sechs persönliche Wikis auf meiner Festplatte zuhause gebracht. Egal ob eine komplette Mediawiki-Installation (das ist die „Software“, mit der das allseits bekannte Wikipedia im weltweiten Netz betrieben wird), oder auch mit so Leichtgewichten wie Dokuwiki und PmWiki, die sich mal eben schnell überall auf dem eigenen Server einrichten lassen – ich hatte da schon viele Ansätze, manche nicht nur Wochen und Monate laufen, sondern noch viel länger. Auch beruflich habe ich zudem einige größere Wikis bereits in Firmen eingerichtet und das meiner Meinung nach auch sinnvollerweise.

Zur internen Organisation

Speziell nämlich in einer Firma, in der viele Menschen zusammenarbeiten, gibt es oft viele kleine Alltagsfragen, die einen völlig unnötigen und komplizierten Kommunikationsfluss erfordern, der meistens zudem auch unvollständig ist, immer zwangsläufig in einer Form von Verzerrung stattfindet (jeder hat da etwas anderes gehört) und auch manchmal sowieso flach fällt, wenn einer der Betreffenden mit all dem Wissen zum Beispiel krank ist. Ein internes Firmen-Wiki kann da hingegen sehr viel abfangen.

Ich kann mich da beispielsweise gut erinnern, dass ich bei einer Firma rund um Filmproduktionen nach einigen Diskussionen ein kleines Wiki realisierte und der erste, wichtigste Eintrag für den Leiter war, dass für Praktikanten und den regelmäßigen externen Mitarbeitern (klassisch in der Branche) festgehalten wird, wo denn der Parkplatzschlüssel ist und wie die (teure) Kaffeemaschine richtig funktioniert. Klingt fragwürdig unspektakulär, aber genau so kleine Einträge helfen im Alltag schon recht gut und im Laufe der Zeit wächst so eine interne Schnittstelle an Wissen zudem dann von selbst kontinuierlich an – solange bis komplette Arbeitsprozesse, Dokumentationen und sonstige betriebliche Inhalte auf verschiedenen Ebenen darüber abgewickelt werden.

So weit so gut – und fast immer eigentlich mit Erfolg. Anfangs gibt es da praktisch immer viel Skepsis, aber nach spätestens einem Jahr überwiegt dann doch der Nutzen und die Meisten sind froh über das Tool einer kollektiven Wissensdatenbank. Alle glücklich.

Nur ich selber nicht. Ich habe das Wiki-Konzept verinnerlicht, lebe es oft und bin selber Nutznießer dieser Lösung, aber irgendwie bin ich nicht ganz zufrieden. Schwer, jemand Außenstehenden zu erklären.

Das Prinzip eines Wikis ist ja, dass man Texte bzw. Notizen darin sammelt, mit anderen Begriffen (also anderen Texten und Notizen) verlinkt bzw. auch Schlagwörter vergibt, die das spätere Auffinden von Informationen erleichtern. In einer Firma steht ein Praktikant vor dem 20-in-1-Kopierer, hat keine Ahnung, was für ein Kürzel seiner Abteilung er als Freigabe eintippen muss… also sucht er im internen Wiki nach „Kopierer“ und bekommt dort seine Antwort. Und entdeckt dabei vielleicht noch sonstige Zusatzinfos und weitere Notizen – wo zum Beispiel dann das Papier zum Nachlegen zu finden ist oder wer der Ansprechpartner ist, wenn das Gerät mal unpassend Freitag Abend bei Produktionsschluss nicht mehr will. Oder auch in meiner Welt, wo ich mal eben die Zugangsdaten von einem längst vergessenen Server suche, aber auch ebenso vielleicht die Adresse einer Freundin wegen ihres Geburtstages oder den Gedankenfetzen, den ich letzten Sommer in der Nacht mal kurz getippt hatte…

{{ „Die Gesamtheit der Noti­zen läßt sich nur als Unord­nung beschreiben, immer­hin aber als Unord­nung mit nicht­be­liebiger interner Struk­tur. Es ist mit dieser Tech­nik gewährleis­tet, daß die Ord­nung, sie ist ja nur formal, nicht zur Fessel wird, son­dern sich der Gedanke­nen­twick­lung anpaßt. Jede Notiz ist nur ein Ele­ment, das seine Qual­ität erst aus dem Netz der Ver­weisun­gen und Rück­ver­weisun­gen im System erhält.“

Ich will diese Dinge aus Prinzip unter der einen, selben Oberfläche in einem gemeinsamen Format an einem gemeinsamen Ort verknüpft speichern, verarbeiten, bearbeiten und nützen können. Damit sind wir eben bei seinem eigenen, persönlichen Wikipedia, das man sich im Laufe der Jahre selber aufbaut.

Das zweite Ich

Irgendwie bereue ich es sehr, dass ich als Kind nicht bereits damit konsequent begonnen habe. Sagt Jemanden der Name Niklas Luhmann etwas? Den kennt man nicht nur wegen seiner Texte vielleicht, sondern auch wegen dem durchaus bekannten „Zettelkasten“. Der Zettelkasten in analoger Form ist nichts anderes als zigtausende Notizblätter oder Karteikärtchen, inklusive Registerkarten und Co., die ihre Notizen tragen, aber dabei auch wiederum auf andere Rubriken, Zettel und Schlagwörter verweisen und dadurch in einem gewaltigen Kollektiv miteinander vernetzt sind. Man sagt, dass so ein Zettelkasten im Laufe der Zeit sein komplettes Eigenleben und Wissen bildet, wenn man eine gewisse Menge an Daten (Zettel mit Texten) gesammelt und verknüpft hat. Stichwort Eigendynamik von vernetztem Wissen, das der Besitzer selber gar nicht mehr in dieser Form begreifen kann.

Heutzutage lassen sich solche Zettelkasten mit digitalen Wikis, aber sogar auch mit einem Blog wie diesem hier umsetzen. Auch hier findet ihr bei jedem Beitrag Schlagwörter und könnt dadurch langfristig andere, vielleicht unbekannte Beiträge entdecken oder gewissen Themen und Richtungen folgen – und damit auch gewissen Gedankensträngen meinerseits.

Allerdings bin ich im Alltag über die bestehenden Lösungen irgendwie nicht so wirklich zufrieden. Sei es die visuelle Oberfläche der Anwendung selber, die mangelnde oder wiederum zu komplexe Verschlagwortung und dessen Darstellung bei diversen Zettelkasten-Software-Lösungen. Ein Blog ist mir komischerweise zu einfach und rudimentär, ein Wiki zu platt und die Zettelkasten-Tools, die Luhmanns System in digitaler Form versuchsweise 1:1 nachbilden, sprechen mich aufgrund ihrer andersartigen Komplexität nicht an.

Reine Geschmackssachen, aber es fehlt mir weiterhin ein Tool, das langfristig – also sprich jahrelang – unverändert all meine Texte und Gedanken und mein Wissen in einfacher Textform speichern kann, aber auch dabei so Anwenderfreundlich ist, dass man einen Gedanken, Idee oder sonstige Daten mit wenig Aufwand einfach eintippt, verschlagwortet und speichert. Am besten in wenigen Sekunden. Starten, eintippen, klick, klick, speichern und es ist verknüpft und gesichert.

Ich habe mich in meinem Leben bereits in viele Dinge eingearbeitet, sei es als Jugendlicher in Autos, später in der „Forscherzeit“ in wüste Themen wie Astronomie, Genetik, sogar Ameisen, habe Projekte in Mode und in der Fotografie umgesetzt und sehr Vieles in diesen Themen erlebt und gesammelt, ich habe eigene Lebenstheorien mir erdacht und immer wieder gedanklich geändert sowie erweitert und durch meine digitale Tätigkeit Hunderte von Accounts, Webseiten und dergleichen gesammelt, ebenso wie Hunderte von Blogeinträgen im Laufe der Zeit, die nie online gingen – und immer wieder regelmäßig alles mit neuen Tools und immer wieder an neuen Orten gespeichert und gesammelt. Bei jedem Geräte- und System-Umstieg wieder neu begonnen, exportiert, importiert, umgewandelt, verloren und gefunden, usw… bis heute hat mein Datenwulst keine feste Form und gemeinsamen Ort gefunden und liegt verstreut chaotisch da und dort. Manchmal lösche ich deswegen bewusst USB-Sticks und alte Festplatten ohne nachzuschauen.

Schon oft habe ich gar überlegt, ob ich bei diesen Dingen nicht tatsächlich auf Papier zu bringen und auf ein paar Ordner und Organizer umsteigen soll… Erinnert sich jemand noch an den alten Film „Filofax“ aus den 90ern? Die klassische Taschen-Ringmappe mit allen Terminen, ToDo’s, Kontakten und dergleichen, die verloren ging?

Ich träume ja, um ehrlich zu sein, von einem kleinen, Hosentaschen-großen Gerät (nicht Tamagotchi, sondern einem Wikigotchi), ähnlich einem alten Palm bzw. den alten digitalen Organizern der 2000er-Zeit, die wochenlang mit einer Ladung Batterien liefen, aber eben etwas moderner… eine physische Tastatur dabei und ein schwarz-weiß-Display und die einzige Aufgabe des Ding ist es, schnell – und angenehm auch lange – neue Texte einzutippen, Schlagwörter und Rubriken zugehörig zu vergeben – und schnell und einfach nach Texten, Schlagwörtern und Begriffen zu suchen und zu filtern. Bei Bedarf auch ausdruckbar bzw. exportierbar als Textdateien. Und tatsächlich in der Lage jahrelang tausende Texte und Notizen zu sammeln und es somit langsam zu einem zweiten „Brain“ (Gehirn) wachsen zu lassen.

{{ „Als Ergeb­nis län­gerer Arbeit mit dieser Tech­nik entsteht eine Art Zweitgedächt­nis, ein Alter ego, mit dem man laufend kom­mu­nizieren kann. Will man einen Kom­mu­nika­tion­spart­ner aufziehen, ist es gut, ihn von vorn­herein mit Selb­ständigkeit auszus­tat­ten. Natür­lich setzt Selb­ständigkeit ein Min­dest­maß an Eigenkom­plex­ität voraus. Der Zettelka­s­ten braucht einige Jahre, um genü­gend kri­tis­che Masse zu gewin­nen. Bis dahin arbeitet er nur als Behäl­ter, aus dem man das her­ausholt, was man hineinge­tan hat. Später gibt der Zettelka­s­ten aus gegebe­nen Anlässen kom­bi­na­torische Möglichkeiten her, die so nie geplant, nie vorgedacht, nie konzip­iert worden waren.“

Sinnlos chaotisch, aber mit Sinn

Ziel und Zweck… keine Ahnung, aber so ein persönliches Offline-Wiki in der Hosentasche ist nach einigen Jahren sicherlich spannend. Irgendwann wandert man eine Route, wo man bereits war, sieht am Berg drüben eine Hütte und hat aber damals die Öffnungszeiten und den Weg hin kurz eingetippt, kann nachschauen, wie sehr sich der Wald gegenüber damals verändert hat, bei der Zugfahrt fällt einem ein Erlebnis und dessen Resümee von früher ein, weiß aber nicht mehr so ganz genau, wie das damals eigentlich war und würde den Gedanken gerne ausarbeiten, man steht auf einem Parkplatz und wartet, will mal eben Freude oder Trauer in Worte fassen, um vielleicht eines Tages einen Blogeintrag daraus zu erstellen und ebenso kann man festhalten, wann man diesen oder jenen Gegenüber kennengelernt hat, ob er oder sie Single oder verheiratet ist, wo er arbeitet und wo er herkommt… aja, da bin ich jetzt in Graz, da gab es doch mal den – wie hieß der gleich – vielleicht weiß der noch, wo das war… ah, interessant, der ist ja bei dem dabei, dann kennt der ja die von dem Nachbarort somit, dann könnte man ja so…. mal nachschauen… und so weiter.

Natürlich – das Gehirn erledigt das eh von selber alles und wenn nicht, war es wohl auch nicht wichtig. Auch Menschen mit einem fotografischen Gedächtnis stellen sich da sicherlich die Sinnfrage, auch im Hinblick auf den Aufwand und den Nutzen. Aber ich bin der Meinung, dass dieses Konzept von einem Luhmann und den vielen Anderen, die ebenso ihre gigantischen Zettelkästen realisierten, ein durchaus sehr spannendes Experiment an verknüpften Wissen ist.

Irgendein Soziologe stellt sich ja irgendwo im Netz – leider habe ich den Link verloren wieder – der Frage, inwieweit man so einem Gebilde eine gewisse eigene Intelligenz zuordnen beziehungsweise zusprechen kann, weil das Konzept eines Zettelkasten ist ja, dass es Verbindungen und Zusammenhänge im Laufe der Zeit von selber formt, die einem beim Erstellen der Einträge und Notizen selber nicht bewusst bzw. gar nicht mehr in der Erinnerung präsent waren und-oder nicht ersichtlich und erfassbar. Es beginnt eine gewisse eigene Dynamik des festgehaltenen Wissens damit…

Aber ja, es fehlt mir noch immer das Tool, das mich anspricht und mir das bietet. Hat wer schon selber Erfahrungen mit Tools alias Zettelkasten, MyNotex, Tomboy und so weiter gemacht oder führt jemand gar schon länger sein eigenes Wiki alias Tiddlywiki oder sonstigen PHP-Lösungen? Tools wie Evernote klammere ich jetzt mal aus, da sie über die Cloud und kommerzielle Anbieter laufen… Datenschutz- und Sicherheit ade.

Mich würde interessieren, wie ihr mit all Euren Texten, Daten, Accounts und Kontakten langfristig so umgeht und wo und wie ihr die speichert und strukturiert…?!

Zitate via Diagoge – Niklas Luh­mann. „Kom­mu­nika­tion mit Zettelkästen: Ein Erfahrungs­bericht“. In: André Kieser­ling (Hg.). Niklas Luh­mann: Uni­ver­sität als Milieu, Kleine Schriften. Biele­feld: Haux 1992, S. 57 f.